Ärzte Zeitung online, 01.12.2016

Forsa-Umfrage

Computerspielsucht ist männlich

Die DAK-Gesundheit hat heute eine aktuelle Umfrage zum Thema Computerspielsucht vorgestellt.

BERLIN. Knapp sechs Prozent der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland zeigen nach einer Krankenkassen-Studie Anzeichen einer Computerspielsucht. Besonders betroffen sind mit einem Anteil von 8,4 Prozent Jungen und junge Männer, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Report "Game Over" der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen hervorgeht.

Den Angaben zufolge ist es die erste Untersuchung mit einer repräsentativen Stichprobe zur Häufigkeit dieser Sucht in Deutschland. Das Forsa-Institut befragte dafür 1531 Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer.

Maßloses Computerspielen ist hierzulande bislang nicht als Krankheit anerkannt. Unter Fachleuten ist umstritten, ob das unkontrollierte Spielen eine eigenständige Erkrankung ist oder Folge anderer psychischer Krankheiten.

Das Diagnose-Handbuch DSM-5 der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung führt allerdings seit wenigen Jahren Kriterien zur Diagnose einer Computerspielsucht auf. Diese waren Grundlage des DAK-Reports. Wer auf mindestens fünf von neun Standardfragen mit Ja antwortete, wurde als computerspielsüchtig gewertet. 

Seit Anfang Dezember können sich Eltern online zum Suchtverhalten ihrer Kinder beraten lassen. Das Bundesministerium für Gesundheit fördert das bundesweite Modellprojekt "Elternberatung bei Suchtgefährdung und Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen" (ELSA). (dpa)

[02.12.2016, 17:46:21]
Thomas Georg Schätzler 
Forsa, DAK-Gesundheit, M. Mortler, R. Thomasius - was für ein Schwachsinn!
Liebe Leserinnen und Leser der Ärzte Zeitung (ÄZ), die Hintergründe der von der Deutschen Presse Agentur berichteten und von der ÄZ leichtfertig übernommenen Berichterstattung sind ganz andere: "Grundlage für die Suchteinstufung war eine von Wissenschaftlern in den USA ent­wickelte Systematik namens „Internet Gaming Disorder Scale“.
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71767

Basis für diese "Grundlagen-Forschungen" waren u. a. eine Publikation in "Computers in Human Behavior" vom April 2015, Vol.45:137–143, doi:10.1016/j.chb.2014.12.006 mit dem Titel
"Measuring DSM-5 internet gaming disorder: Development and validation of a short psychometric scale" von
Halley M. Pontes und Mark D. Griffiths.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0747563214007213

Dort wird behauptet, dass man eine angeblich repräsentative Stichprobe von 1.060 teilnehmenden Spielern (85,1% männlich, Durchschnitts-Alter 27 Jahre) als Teilnehmer von Online-Game-Foren rekrutiert hätte. Eine zur Validierung zwingend notwendige Vergleichsgruppe von vergleichbaren N i c h t-Spielern hatte man sicherheitshalber gar nicht erst ausgewählt! Das hätte die Einseitigkeit, Willkürlichkeit und Irrelevanz der frei erfundenen Untersuchungs-Ergebnisse ja nur entlarven können ["The aim of this study was to develop a new nine-item short-form scale to assess Internet Gaming Disorder (IGDS-SF9) and to further explore its psychometric properties. A sample of 1060 gamers (85.1% males, mean age 27 years) recruited via online gaming forums participated. Exploratory factor analysis [EFA], confirmatory factor analysis [CFA], analyses of the criterion-related and concurrent validity, reliability, standard error of measurement [SEM], population cross-validity, and floor and ceiling effects were performed to assess the instrument’s psychometric properties. The results from the EFA revealed a single-factor structure for IGD that was also confirmed by the CFA. The nine items of the IGDS-SF9 are valid, reliable, and proved to be highly suitable for measuring IGD. It is envisaged that the IGDS-SF9 will help facilitate unified research in the field"].

Es ist wissenschafts- und ekennnistheoretisch einfach nur peinlich, wie das Forsa-Institut, die GKV-Krankenkasse DAK Gesundheit, Marlene Mortler (CSU) als Drogenbeauftrag­te der Bundesregierung, der an der Studie beteiligte Suchtexperte Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und andere unreflektierte bzw. invalide, für Deutschland gar nicht validierte Untersuchungs- und Test-Ergebnisse verwenden. Diese sollen m. E. doch nur zum Pathologisieren, Medizinalisieren, Medikalisieren und Politisieren von Alltagsproblematiken postindustrieller Gesellschaften instrumentalisiert werden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz CH) zum Beitrag »

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