Ärzte Zeitung, 28.09.2004

HINTERGRUND

Schmerzkonferenzen - eine gute Chance für Hausärzte, ihren chronisch kranken Patienten besser zu helfen

Schmerzkonferenz: Zahnarzt Dr. Otto von der Heide untersucht Patient Holger S. Mit dabei: Dr. Gerhard Müller-Schwefe (rechts). Foto: fuh

Von Christoph Fuhr

"Irgendwann", sagt Holger S., "irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich womöglich nicht mehr ganz klar im Kopf bin."

Da hat der 31 Jahre alte Kaufmann aus einem kleinen Ort bei Göppingen in Baden-Württemberg schon eine lange Odyssee hinter sich gehabt - auf der Suche nach Hilfe gegen Rückenschmerzen, die immer heftiger wurden und gegen die es keine Therapie zu geben schien. Seine Schuhe hat er vor Schmerz nicht mehr allein schnüren können, monatelang ist er arbeitsunfähig gewesen, das Leben ist zu einer einzigen Qual geworden.

An einem Tag im Februar 2002 wacht Holger S.. morgens auf und verspürt einen diffusen Schmerz im Rücken. Der verschwindet nach einer Weile und ist am am nächsten Morgen wieder da. Das Problem wiederholt sich, der Schmerz hält immer länger an, irgendwann wird er zum Dauerproblem.

Nachts kann der Bankkaufmann nicht mehr richtig liegen vor Schmerz, schlafen funktioniert nicht, morgens fühlt er sich kaputt und gerädert, an Arbeiten ist nicht mehr zu denken. Holger S. ist inzwischen beim Hausarzt gewesen, danach bei zwei Orthopäden, aber der Schmerz ist geblieben. Zwischendurch ist der 31jährige zu einem Heilpraktiker gegangen. Der, erinnert er sich, habe ihm eine Debatte über "Lebensphilosophie" aufzwingen wollen. "Diese Debatte hat mich nicht interessiert", sagt er, "ich wollte die Schmerzen loswerden, und das hat nicht funktioniert."

Krankengymnast gibt den entscheidenden Tip

Ein Krankengymnast gibt den entscheidenden Tip. Holger S. meldet sich bei Allgemeinarzt Dr. Gerhard Müller-Schwefe, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie an, der eine Praxis in Göppingen betreibt. Müller-Schwefe prüft den Stapel an Vorbefunden, macht eine Erstuntersuchung und stellt ihn dann einer Schmerzkonferenz vor. Und die, stellt sich bald heraus, kann helfen.

Schmerzkonferenzen: das sind Veranstaltungen, an denen Ärzte aus verschiedenen klinischen Fachgebieten teilnehmen, darunter auch Zahnärzte und Psychologen. Gemeinsam werden die Patienten befragt und untersucht. Danach geben die Ärzte Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie.

Neu ist diese Form der Betreuung chronisch kranker Schmerzpatienten nicht. Neu aber ist ein Vertrag, den mehrere Krankenkassen mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie geschlossen haben. Mitglieder dieser Kassen haben Anspruch darauf, Schmerzkonferenzen vorgestellt zu werden - wenn sie unter dauerhaften Rücken- oder Kopfschmerzen leiden und als chronisch schmerzkrank (Chronifizierungsstadium 2) eingestuft werden. Teilnehmen können auch Patienten, bei denen eine Neurostimulation oder die Implantation einer Medikamentenpumpe geplant ist.

Es geht nicht um Schuldzuweisungen

Müller-Schwefe weiß: Damit dieser Vertrag mit Leben erfüllt wird, kommt es darauf an, daß genügend Ärzte mitmachen - und das gilt vor allem für Hausärzte, denen die Chance geboten wird, Problempatienten in diesen Konferenzen vorzustellen. "Es geht in den Sitzungen nicht um nachträgliche Schuldzuweisungen im Sinne von: Was haben Kollegen bei der Behandlung versäumt, was könnten sie falsch gemacht haben?", sagt Müller-Schwefe. Ziel sei es vielmehr, das geballte Know-how von Ärzten unterschiedlicher Fachgruppen zu nutzen - damit es den Patienten am Ende besser geht.

In der Schmerzkonferenz mit Holger S. ist ein Zahnarzt mit dabei, er diagnostiziert eine Fehlstellung des Kiefergelenkes und der Gebißlage. Dazu kommt, wie ein Orthopäde feststellt, eine Becken-Fehlstellung, eine verkürzte Rückenmuskulatur und ein Rückenmuskel, der Schmerzen bereitet.

Holger S. bekommt eine Gebißschiene zur Kiefer-Korrektur, er muß Bewegungsübungen machen und ein Schmerz-Tagebuch führen. Außerdem wird Botulinumtoxin zur Entspannung der Muskulatur verordnet.

Die Therapie ist erfolgreich. Heute kann Holger S. wieder arbeiten, sein Leben hat sich verändert - und zwar grundlegend, darüber läßt er nicht den geringsten Zweifel. Noch Schmerzen? "Hin und wieder, aber wenn, dann nur kurz", sagt er, "es geht mir viel besser, als ich je zu träumen gewagt hätte."

STICHWORT

Schmerzkonferenzen

"Schmerzkonferenzen sind ein Instrument der Spitzenversorgung, sie sind keine Routineversorgung für alle Schmerzpatienten", erläutert Baden-Württembergs TK-Landeschef Andreas Vogt. Techniker Krankenkasse, Gmünder Ersatzkasse, die BKKen Siemens, Gesundheit, Bosch, Ford und der BKK-Bundesverband haben mit der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie einen "Vertrag zur Etablierung und Erprobung Interdisziplinärer Schmerzkonferenzen" abgeschlossen. Er gilt als Teil der Integrierten Versorgung - also der Zusammenarbeit über Fach- und Sektorengrenzen hinweg. Geleitet werden die Schmerzkonferenzen von qualifizierten Moderatoren.

Für jeden Fall zahlen die beteiligten Kassen maximal 305 Euro. Der Moderator wird mit 90 Euro vergütet, Konsiliarärzte erhalten 45 Euro je Fall. 80 Euro erhält der Hausarzt, der seine Patienten der Konferenz vorstellt. (fuh)

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