Ärzte Zeitung, 03.03.2009

Hintergrund

"40 Prozent weniger Schmerzen - das wäre schon gut"

Jeder Vierte, der älter als 50 Jahre ist, klagt über neuropathische Schmerzen. Hauptauslöser sind Rückenschmerzen, geht aus einer Befragung hervor.

Von Sabine Stürmer

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland bei den über 50-Jährigen jeder Vierte unter neuropathischen Schmerzen leidet. Da viele der Betroffenen erwerbs- oder arbeitsunfähig sind, entstehen für das Gesundheitssystem hohe Kosten.

Die Patienten wollen vor allem eine Minderung ihrer Schmerzen. 40 Prozent Schmerzreduktion - dann wäre das Leiden erträglich. Das ist eines der Ergebnisse aus einer aktuellen Untersuchung zur Versorgungsqualität von Patienten mit neuropathischen Schmerzen.

Die Prävalenz liegt bei drei bis acht Prozent

Neuropathischer Schmerz entsteht als direkte Folge einer Läsion oder einer Erkrankung des somatosensorischen Systems. Diese Schmerzen können sich im Verlaufe vieler Erkrankungen wie chronische Radikulopathien, Diabetes mellitus, Herpes zoster oder auch nach bestimmten Behandlungen, etwa einer Chemotherapie, entwickeln. Wie viele Patienten in Deutschland neuropathische Schmerzen haben, ist allerdings unbekannt. Aufgrund von Untersuchungen in England und Österreich gehen Neurologen davon aus, dass die Prävalenz in Deutschland bei drei bis acht Prozent liegt. "Dabei steigt die Häufigkeit im Alter stark, sodass bei den über 50-Jährigen vermutlich mehr als 25 Prozent betroffen sind," berichtete Privatdozent Rainer Freynhagen aus Düsseldorf bei einer Schmerztagung in Berlin. Der Schmerztherapeut stellte die Daten einer Auswertung von etwa 15 000 Patienten vor, die auf der Grundlage des Patienten-basierten Fragebogens painDETECT® mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent an einer neuropathischen Schmerzkomponente litten.

Fast jeder Zweite klagt seit fünf Jahren über Schmerzen

Die Ergebnisse: Zwei Drittel der Betroffenen waren Frauen. 32 Prozent litten bereits seit ein bis fünf Jahren an neuropathischen Schmerzen, 44 Prozent sogar seit mehr als fünf Jahren. Die Erkrankungen, die am häufigsten zur Entwicklung eines neuropathischen Schmerzen geführt hatten, waren Rückenschmerz (76 Prozent), Diabetes mellitus (6 Prozent) und Herpes zoster (3 Prozent).

Als durchschnittliche Schmerzstärke in den vergangenen vier Wochen gaben die Patienten auf der zehn Punkte umfassenden visuellen Analogskala einen Wert von 6,5 an. Auf die Frage: "Ab wann würden Sie Ihren Schmerz als erträglich empfinden?" sagten die Patienten, ausreichend wäre eine Reduktion um 40 Prozent. "Diese wichtige Botschaft sollten wir im Kopf haben!", so Freynhagen auf einem vom Unternehmen Pfizer unterstützten Symposium. Denn diese Schmerzreduktion sei genau das, was die Schmerzpatienten von ihren Behandlern erwarten würden.

Die meisten Kosten (58 Prozent) werden durch Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit sowie Arztbesuche verursacht. Allein 27 Prozent der Rückenschmerz-Patienten gaben zum Zeitpunkt der Befragung vier bis sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit an. Ein nicht unerheblicher Teil der Betroffenen ist aufgrund der neuropathischen Schmerzen bereits in Frührente gegangen (Rückenschmerzen: 24 Prozent, Herpes zoster: 21 Prozent, Diabetes mellitus: 27 Prozent), und ein weiterer Teil der Patienten plant einen entsprechenden Rentenantrag (Rückenschmerzen: 26 Prozent, Zoster: 14 Prozent, Diabetes: 19 Prozent).

Die Medikamentenkosten schlagen mit vier Prozent zu Buche. Bei der Erstdiagnose wird den meisten Patienten Pregabalin (Lyrica®) verschrieben, gefolgt von Gabapentin. Ein wichtiges Entscheidungsmerkmal für die Auswahl des Medikamentes scheint der Chronifizierungsgrad (I bis III) der Erkrankung zu sein, wie Freynhagen anhand der Angaben zum dreigradigen Mainz Pain Staging System (MPSS) herausfand. Demnach weisen 71 Prozent der Schmerzpatienten, die bei der Erstdiagnose mit Pregabalin behandelt werden, den höchsten MPSS-Wert von 3 auf. Diesen Wert hatten jedoch nur ungefähr 50 Prozent jener Schmerzpatienten, die mit Gabapentin behandelt wurden.

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