Hintergrund

"40 Prozent weniger Schmerzen - das wäre schon gut"

Jeder Vierte, der älter als 50 Jahre ist, klagt über neuropathische Schmerzen. Hauptauslöser sind Rückenschmerzen, geht aus einer Befragung hervor.

Von Sabine Stürmer Veröffentlicht:

Experten gehen davon aus, dass in Deutschland bei den über 50-Jährigen jeder Vierte unter neuropathischen Schmerzen leidet. Da viele der Betroffenen erwerbs- oder arbeitsunfähig sind, entstehen für das Gesundheitssystem hohe Kosten.

Die Patienten wollen vor allem eine Minderung ihrer Schmerzen. 40 Prozent Schmerzreduktion - dann wäre das Leiden erträglich. Das ist eines der Ergebnisse aus einer aktuellen Untersuchung zur Versorgungsqualität von Patienten mit neuropathischen Schmerzen.

Die Prävalenz liegt bei drei bis acht Prozent

Neuropathischer Schmerz entsteht als direkte Folge einer Läsion oder einer Erkrankung des somatosensorischen Systems. Diese Schmerzen können sich im Verlaufe vieler Erkrankungen wie chronische Radikulopathien, Diabetes mellitus, Herpes zoster oder auch nach bestimmten Behandlungen, etwa einer Chemotherapie, entwickeln. Wie viele Patienten in Deutschland neuropathische Schmerzen haben, ist allerdings unbekannt. Aufgrund von Untersuchungen in England und Österreich gehen Neurologen davon aus, dass die Prävalenz in Deutschland bei drei bis acht Prozent liegt. "Dabei steigt die Häufigkeit im Alter stark, sodass bei den über 50-Jährigen vermutlich mehr als 25 Prozent betroffen sind," berichtete Privatdozent Rainer Freynhagen aus Düsseldorf bei einer Schmerztagung in Berlin. Der Schmerztherapeut stellte die Daten einer Auswertung von etwa 15 000 Patienten vor, die auf der Grundlage des Patienten-basierten Fragebogens painDETECT® mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent an einer neuropathischen Schmerzkomponente litten.

Fast jeder Zweite klagt seit fünf Jahren über Schmerzen

Die Ergebnisse: Zwei Drittel der Betroffenen waren Frauen. 32 Prozent litten bereits seit ein bis fünf Jahren an neuropathischen Schmerzen, 44 Prozent sogar seit mehr als fünf Jahren. Die Erkrankungen, die am häufigsten zur Entwicklung eines neuropathischen Schmerzen geführt hatten, waren Rückenschmerz (76 Prozent), Diabetes mellitus (6 Prozent) und Herpes zoster (3 Prozent).

Als durchschnittliche Schmerzstärke in den vergangenen vier Wochen gaben die Patienten auf der zehn Punkte umfassenden visuellen Analogskala einen Wert von 6,5 an. Auf die Frage: "Ab wann würden Sie Ihren Schmerz als erträglich empfinden?" sagten die Patienten, ausreichend wäre eine Reduktion um 40 Prozent. "Diese wichtige Botschaft sollten wir im Kopf haben!", so Freynhagen auf einem vom Unternehmen Pfizer unterstützten Symposium. Denn diese Schmerzreduktion sei genau das, was die Schmerzpatienten von ihren Behandlern erwarten würden.

Die meisten Kosten (58 Prozent) werden durch Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit sowie Arztbesuche verursacht. Allein 27 Prozent der Rückenschmerz-Patienten gaben zum Zeitpunkt der Befragung vier bis sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit an. Ein nicht unerheblicher Teil der Betroffenen ist aufgrund der neuropathischen Schmerzen bereits in Frührente gegangen (Rückenschmerzen: 24 Prozent, Herpes zoster: 21 Prozent, Diabetes mellitus: 27 Prozent), und ein weiterer Teil der Patienten plant einen entsprechenden Rentenantrag (Rückenschmerzen: 26 Prozent, Zoster: 14 Prozent, Diabetes: 19 Prozent).

Die Medikamentenkosten schlagen mit vier Prozent zu Buche. Bei der Erstdiagnose wird den meisten Patienten Pregabalin (Lyrica®) verschrieben, gefolgt von Gabapentin. Ein wichtiges Entscheidungsmerkmal für die Auswahl des Medikamentes scheint der Chronifizierungsgrad (I bis III) der Erkrankung zu sein, wie Freynhagen anhand der Angaben zum dreigradigen Mainz Pain Staging System (MPSS) herausfand. Demnach weisen 71 Prozent der Schmerzpatienten, die bei der Erstdiagnose mit Pregabalin behandelt werden, den höchsten MPSS-Wert von 3 auf. Diesen Wert hatten jedoch nur ungefähr 50 Prozent jener Schmerzpatienten, die mit Gabapentin behandelt wurden.

Mehr zum Thema

Kasuistik zu Autoimmunerkrankung

Wüssten Sie, was hinter diesen Symptomen steckt?

Das könnte Sie auch interessieren
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Wechselwirkungen

Diese Medikamente sind bei Herzinsuffizienz riskant

Interview mit Physiotherapeutin

Bewegung bei Nackenschmerzen: Welcher Sport ist der richtige?

Atemwegserreger

RKI: RSV-Welle deutet sich an

Lesetipps
Diabetespatientin spritzt sich Insulin mit Insulinpen

© Goffkein / stock.adobe.com

Wenig bekannte Insulinkomplikation

Vorsicht bei Insulininjektionen: Nicht immer dieselbe Stelle nehmen

Eine ältere Frau klagt über Gelenk- und Muskelschmerzen in ihren Händen.

© Yakobchuk Olena / stock.adobe.com

Kasuistik zu Autoimmunerkrankung

Wüssten Sie, was hinter diesen Symptomen steckt?