Ärzte Zeitung online, 03.08.2012

Schmerzen

Kinder im Abseits

Eine neue Studie des Deutschen Kinderschmerzzentrums (DKSZ) in Datteln wirft kein gutes Licht auf die Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland.

Kinder mit Schmerzen im Abseits

Kopfschmerzen: Bei der Versorgung happert es noch.

© Nikolai Sorokin / fotolia.com

DATTELN (eb). Bis zu 28 Ärzte kontaktieren Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen, bevor sie eine spezialisierte Behandlung erhalten.

Und: Viele der jugendlichen Patienten nehmen Schmerzmittel ein, obwohl diese aus ärztlicher Sicht nicht zu empfehlen sind. Das hat eine neue Studie des Deutschen Kinderschmerzzentrums (DKSZ) in Datteln ergeben (BMC Pediatrics 2012; 12: 54).

Chronische Schmerzen, also Schmerzen, die über einen Zeitraum von drei Monaten anhalten oder in diesem Zeitraum wiederkehrend auftreten, führen bei einem Teil der Betroffenen zu hohen Beeinträchtigungen im Alltag, erinnert die Universität Witten/Herdecke.

Zum Beispiel steigen die Fehlzeiten in der Schule oder die Kinder und Jugendlichen haben Schwierigkeiten, Kontakte zu Freunden aufrecht zu erhalten und Hobbys zu pflegen. Betroffen seien in Deutschland geschätzt 350.000 Kinder, heißt es in der Mitteilung der Uni.

Daten von 2249 Betroffenen analysiert

Der Weg zu einer spezialisierten Behandlung ist für viele der jungen Schmerzpatienten weit, wie nun eine Studie mit 2249 Kindern und Jugendlichen belegt.

Das Deutsche Kinderschmerzzentrum wertete die Daten aller Patienten aus den Jahren 2005 bis 2010 aus.

Den Studienergebnissen zufolge hätten die Patienten im Durchschnitt bereits mit drei unterschiedlichen Ärzten Kontakt gehabt, ehe sie sich im DKSZ vorstellten, heißt es in der Mitteilung der Universität.

Mit zunehmendem Alter der Patienten sei zudem die Zeitdauer zwischen Schmerzbeginn und dem Aufsuchen der Spezialisten kontinuierlich gestiegen. Bei 15-Jährigen vergingen im Durchschnitt etwa vier Jahre bis zum Besuch im DKSZ.

Massive Einbußen der Lebensqualität

"Je länger es dauert, bis chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen effektiv behandelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Entwicklung der Patienten nachhaltig gestört wird und sie massive Einbußen der Lebensqualität hinnehmen müssen", wird Professor Boris Zernikow in der Mitteilung der Uni zitiert.

Zernikow ist Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums und Inhaber des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin der Universität Witten/Herdecke.

"Es gibt wirksame Methoden, diese Schmerzen zu behandeln und den Kindern die Kontrolle zurück zu geben - aber das müssen geschulte Kinderärzte übernehmen, und zwar in einem möglichst frühen Krankheitsstadium."

Die Versorgungsstrukturen in Deutschland, so Zernikow weiter, gäben allerdings eine kurzfristige, fachmännische und wohnortnahe Versorgung junger Schmerzpatienten häufig (noch) nicht her.

Viele der überwiegend weiblichen Patienten (60 Prozent Mädchen), die sich im DKSZ vorstellten, berichten über tägliche oder dauerhafte Schmerzen (43 Prozent) und sind dadurch in ihrem Alltag stark beeinträchtigt.

Jedes vierte Kind verpasst aufgrund der Schmerzen mehr als ein Viertel des Schulunterrichtes. Außerdem sind ältere Kinder in der Regel stärker beeinträchtigt als jüngere.

Am häufigsten sind Kopfschmerzen

Die meisten Kinder hatten Kopfschmerzen (70 Prozent), gefolgt von Bauchschmerzen und Schmerzen des Bewegungsapparates.

Bei der Aufrechterhaltung der Schmerzen spielen neben den körperlichen Faktoren auch psychosoziale Begleitumstände, etwa Stress oder emotionale Belastung, eine wichtige Rolle.

Sorge bereite den Schmerzexperten aus Datteln auch ein anderes Ergebnis der Studie, heißt es in der Mitteilung der Universität Witten/Herdecke: Drei Viertel der Kinder, die sich im DKSZ vorstellten, nahmen zum Zeitpunkt der Erstvorstellung Schmerzmedikamente ein.

Die Ärzte sehen diese Entwicklung mit Skepsis: Sie empfehlen nur etwa der Hälfte dieser Kinder die Einnahme von Medikamenten, um die Schmerzen zu lindern.

"Die Fehleinnahme von Schmerzmedikamenten kann verheerende Folgen haben - zum Beispiel gibt es Schmerzformen, bei denen Medikamente die Schmerzen noch verstärken. Dieser sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerz verschärft die schon vorhandene Problematik dann noch zusätzlich", so Zernikow in der Mitteilung.

[05.08.2012, 14:05:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Differenzierte Schmerztherapie bei Kindern
Das Deutsche Kinderschmerzzentrum bietet Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen ein multimodales Therapiekonzept mit ambulanter und stationärer Therapie. Kinderschmerzambulanz und Station "Leuchtturm" befinden sich in der
Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln
Dr.-Friedrich-Steiner Str. 5
45711 Datteln
Infos unter » www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de
Kontakt: Ann-Kristin Ruhe, Deutsches Kinderschmerzzentrum
Tel.: +49 (0) 2363 / 975-193 Fax: +49(0) 2363 / 975-181
a.ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
Ziel des multiprofessionellen Teams ist es, betroffene Kinder und Jugendliche, ihre Angehörigen und Experten umfassend zu informieren sowie die Versorgung lokal, regional und bundesweit zu optimieren.

Weitere Schwerpunkte sind Kontaktmöglichkeiten bei Schmerzen und Problemen im Rahmen der Palliativtherapie
Infos unter » www.kinderpalliativzentrum.de
Kontakt: Susanne Pätzold Kinderpalliativzentrum Datteln
Tel.: +49 (0) 2363 / 975-700 Fax: +49(0) 2363 / 975-701
s.paetzold@kinderklinik-datteln.de
Das Kinderpalliativzentrum Datteln richtet sich an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit lebensbedrohlichen bzw. lebenslimitierenden Erkrankungen sowie deren Familien. Eine umfassende Symptomkontrolle, palliativ-pflegerische sowie psychosoziale Versorgung gewährleisten seit 2010 die erste Kinderpalliativstation „Lichtblicke“, die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), der Kinderpalliativmedizinische Konsiliardienst sowie das Forum für Familie und Fortbildung (FFF).

Das Deutsche Kinderschmerzzentrum (DKSZ) ist zusammen mit dem Palliativzentrum in einem extra dafür konzipierten Neubau mit Mitteln der Vodafone-Stiftung, die auch die Stiftungsprofessur für Prof. Dr. med. Boris Zernikow trägt, unter künstlerischer Konzeption und Gestaltung durch die Künstlerin Andrea Behn 2009 in Datteln gebaut worden.

Zum Schluss noch ein Schmerz-Fall aus meiner Praxis: Eine 6-jährige, zierliche Erstklässlerin kam mit ihren überbesorgten Akademikereltern mehrfach in meine Sprechstunde. Seit über 4 Monaten bestünden meist krampfartige Bauchschmerzen im Mittelbauch, periumbilikal, mit wechselnd Obstipation und Durchfall. Verschiedene Pädiater wussten keinen Rat mehr. Meine körperlichen Untersuchungen ergaben keine Auffälligkeiten. Später fiel mir bei einer vertiefenden Anamnese auf, dass die Tochter ihre Eltern mehrfach korrigierend, aber durchaus sachgerecht unterbrach. Ich wendete mich dem Mädchen zu und fragte, ob die Beschwerden am Wochenende abklingen würden, was sie spontan bejahte. Bei der Rezeptverordnung gegen die funktionellen Abdominalbeschwerden sprach ich, wie ich es immer tue, "100 Tabl. Digestodoron" und die schriftlich zu dokumentierende Dosierung "3 X 1 Tab. tgl. vor dem Essen" laut aus.
Die 6-jährige fragte wie aus der Pistole geschossen: "Und was mache ich mit der einen Tablette, die dann übrig bleibt?" Das war die Lösung! Das Kind hatte, wie sich herausstellte, einen extrem hohen Intelligenzquotienten, fühlte sich als mathematisch Hochbegabte in der Schule völlig unterfordert, unruhig, zugleich unverstanden bzw. isoliert. Zu Hause, am Wochenende, wurde sie durch Klavierunterricht und Gespräche mit den intellektualisierten Eltern adäquat gefordert und gefördert - und sie brauchte auch keine Brille.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[04.08.2012, 18:25:26]
Dr. Fritz Gorzny 
An vielen Fällen kindlicher Kopf-und Bauchschmerzen sind die Augen beteiligt
Es ist leider - auch unter Augenärzten- viel zu wenig bekannt, daß Störungen des Binokularsehens im Sinne einer assoziierten Heterophorie aber auch bei Mikrostrabismus mit zusätzlicher heterophorischer Komponente bei sonst organisch gesunden Kindern und Jugendlichen zu schweren chronischen Kopf und auch Bauchschmerzen führen.In unzähligen Fällen traten dabei auch Lese/Schreibstörungen und Konzentationsstörungen mit AD(H)S Symptomatik auf. Heterophorien führen wegen der chronischen Überlastung des visuellen Systems zu subtilen Kompensationsmechanismen mit Verspannung der Skelettmuskulatur vorwiegend im HW Bereich und Irritationen des Vegetativen Systems. Exakte Analysen des Binokularsehens am genauesten nach der Mess- und Korrektionsmethode nach H.J.Haase am Polates mit prismatischer Korrektion des Heterophoriewinkels führen spontan zu Entspannung und Beseitigung der Probleme.
Leider ist es schwierig geeignete Untersucher zu finden.
Weitere INfos und Anwenderlisten unter IVBV.org.
Dr. Fritz Gorzny Augenarzt, Koblenz Vizepräsident der Internationalen Vereinigung für Binokularsehen (IVBS) zum Beitrag »

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