Mittwoch, 3. September 2014
Ärzte Zeitung online, 29.01.2013

Unfälle

Nicht jeder Schmerz stammt vom Aufprall

Ein generalisierter Schmerz unmittelbar nach einem Verkehrsunfall muss nicht unbedingt etwas mit körperlichen Verletzungen zu tun haben. Notärzte und Kollegen in der Klinik sollten auch an Stressreaktionen denken.

Nicht jeder Schmerz stammt vom Aufprall

Schmerzen?

© DRF Luftrettung

CHAPEL HILL. Akute Schmerzen, etwa im Nacken, sind nichts Ungewöhnliches nach einem Verkehrsunfall. Nicht selten treten auch generalisierte Schmerzsyndrome auf.

So klagte einer von fünf Patienten, die sich in einer US-Studie direkt nach dem Ereignis in einer Notaufnahme vorstellten, über ausgedehnte muskuloskeletale Schmerzen am ganzen Körper, selbst nach nur leichtem Aufprall. Gleichzeitig fiel eine Häufung an psychischen Symptomen bei den Unfallopfern auf.

Bei den meisten Menschen, die nach einem leichten Verkehrsunfall Schmerzen verspüren, sind nur einzelne Körperpartien betroffen und die Beschwerden bessern sich rasch. Bei einigen jedoch nimmt der Schmerz weite Bereiche des Körpers in Besitz.

Um eventuelle Besonderheiten dieser Patienten herauszuarbeiten, schlossen amerikanische Notfallmediziner 890 Probanden zwischen 18 und 65 Jahren, die nach einem Unfall in einer von acht Notaufnahmen untersucht und unmittelbar danach wieder entlassen wurden, in ihre Studie ein (EJP 2013; online 20. Januar).

Ausgeschlossen waren Motorradfahrer, Patienten mit Frakturen, intrakranialen Verletzungen oder stark blutenden Wunden, Schwangere sowie Verletzte, die stationär aufgenommen wurden oder später als 24 Stunden nach dem Unfall zur Behandlung kamen.

Für 99 Prozent der Probanden wurde auf dem Abbreviated Injury Scale Score (AIS, Verletzungsscore 1-6) ein Wert von 1 ermittelt.

Mehr als jeder Fünfte betroffen

Insgesamt 93 Prozent der Patienten klagten über Schmerzen im Zusammenhang mit dem Unfall. 66 Prozent gaben Schmerzen in mindestens drei Körperregionen an, 22 Prozent verspürten einen ausgedehnten muskuloskeletalen Schmerz (in mindestens sieben Bereichen).

Bei mehr als der Hälfte der Patienten bestand ein moderater bis schwerer Nackenschmerz. Bei 84 Prozent der Unfallopfer mit ausgedehntem Schmerzsyndrom war unter anderem der Nacken betroffen.

Darüber hinaus gaben die Patienten am häufigsten Schmerzen im Kopf, im oberen und unteren Rücken und in der Schulterregion zu Protokoll.

Je mehr Körperteile bei der Kollision direkt angeschlagen wurden, desto höher war die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines akuten generalisierten Schmerzsyndroms.

Aber auch 14 Prozent derer, die keine körperlichen Beeinträchtigungen davongetragen hatten, klagten über Schmerzen am ganzen Körper.

Die adjustierte Analyse zeigte, dass davon überwiegend weibliche Patienten betroffen waren, die schon vor dem Unfall signifikant häufiger an depressiven und körperlichen Beschwerden gelitten hatten, dazu neigten, den Schmerz zu katastrophisieren, und häufig auch aktuell mit psychischen Symptomen belastet waren.

Kein Zusammenhang zeigte sich in dieser Gruppe dagegen mit dem Unfallgeschehen selbst, etwa der Fahrgeschwindigkeit, dem Ausmaß des Fahrzeugschadens oder der Art des Unfalls.

Die Autoren vermuten, dass eine stressinduzierte Hyperalgesie nach einem traumatischen Ereignis wie einem Verkehrsunfall an der Entwicklung eines generalisierten Schmerzsyndrom beteiligt ist.

So haben ausgedehnte Schmerzen, die, wie andere Studien gezeigt haben, zum Teil monatelang anhalten können, möglicherweise weniger eine unfallbedingte als vielmehr eine psychische Ursache.

In weiteren Studien sollte untersucht werden, so die Autoren, wie die Entwicklung eines generellen Schmerzsyndroms nach einem Unfall verhindert werden kann. (St)

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