Ärzte Zeitung, 06.06.2013

Gehirn

Kein Hirnschwund durch chronische Schmerzen

Bei chronischen Schmerzen werden manche Hirnareale dünner. Doch die Veränderungen bilden sich durch Schmerztherapie zurück.

MAINZ. Bei chronischen Schmerzen verändert sich das Gehirn: Manche Areale werden dünner, sodass man hier bleibende Schäden befürchtet.

Allerdings sind diese Veränderungen reversibel: Nach einer Schmerztherapie normalisiert sich das Volumen. Das hat Professor Arne May aus Hamburg auf dem "Neuro Update" in Mainz berichtet.

Bekannt sind aus der strukturellen Bildgebung ausgedünnte Areale im Bereich des vorderen Cingulums, der Insula, im Hirnstamm oder S2-Bereich. Diese Verminderung der grauen Substanz lässt sich bei Kopf-, Rücken- oder Phantomschmerzen beobachten.

Je länger erkrankt, desto weniger graue Substanz

Je länger die Patienten erkrankt sind, umso ausgeprägter sei die Verminderung der grauen Substanz, sagte der Schmerzexperte vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Lange Zeit haben man befürchtet, dass es sich dabei um eine irreversible Atrophie oder einen dauerhaften Schaden handelt, der möglicherweise auch kognitive Funktionen beeinträchtigt und eine Demenz begünstigt.

Hier könne man nun Entwarnung geben. Die hirnstrukturellen Veränderungen sind bei einer erfolgreichen Schmerztherapie offenbar vollkommen reversibel.

May nannte als Beispiel eine Studie mit 14 Rückenschmerzpatienten, die sich einer interventionellen Therapie unterzogen, etwa einer Operation oder einer Facettengelenksinfiltration. Die Patienten wurden nun vor dem Eingriff und sechs Monate danach per strukturelle MRT untersucht.

Dabei zeigten sich anfangs die bekannten kortikalen Ausdünnungsmuster. Zusätzlich absolvierten die Patienten Kognitionstests während der fMRT.

Bei Aufmerksamkeitsübungen fiel eine abnorme Aktivität im linken dorsolateralen präfrontalen Kortex auf, der ebenfalls etwas geschrumpft war.Kortexdicke nimmt bei Schmerztherapie zu.

Wieder verdickt nach einem halben Jahr

Das überraschende Ergebnis: Ein halbes Jahr später hatten sich die zuvor ausgedünnten Areale wieder verdickt und waren kaum von denen bei Gesunden zu unterscheiden - aber nur bei den Patienten, die tatsächlich deutlich weniger Schmerzen hatten. Diese zeigten nun auch eine normale präfrontale Aktivität in der funktionellen Bildgebung.

Bestätigt, so May, wird das Ergebnis durch eine vergleichbare Untersuchung bei Patienten mit einer Hüftgelenksoperation. Der Hüftschmerz ist hier nach dem Gelenkersatz in der Regel sofort verschwunden.

Auch hier kam es zu einer Verdickung der zuvor ausgedünnten Hirnareale in der strukturellen Bildgebung nach der erfolgreichen Op.Ursachen der Volumenänderung unklar.

Dies deute darauf, so May, dass chronischer Schmerz nicht zu einer neuronalen Atrophie führt. Am ehesten ließen sich die Veränderungen nicht durch Zellverlust, sondern durch neuronale Plastizität erklären.

Demnach würde eine Mindernutzung bestimmter Areale die beobachteten Schrumpfungen auslösen, eine vermehrte Nutzung diese dann wieder rückgängig machen.

Welche Prozesse dabei eine messbare Volumenänderung auslösen, sei aber noch weitgehend unklar. (mut)

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