Ärzte Zeitung, 01.08.2013

Wenig Schlaf, viel Schmerz

Hyperalgesie durch Schlafmangel

Bereits eine Nacht ohne Schlaf senkt die meisten sensorischen Schmerzschwellen. Schlafprobleme könnten demnach bei Schmerzpatienten die Pein noch verstärken.

Von Thomas Müller

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Schlafmangel kann die Schmerzwahrnehmung verzerren und dadurch die Pein verstärken.

© Dan Race/Fotolia.com

MANNHEIM. Schmerzpatienten schlafen aufgrund ihrer Schmerzen oft schlecht. Es gibt aber auch Hinweise, dass Schlafmangel die Schmerzwahrnehmung verzerrt und dadurch die Pein verstärken kann.

So wurden bei Personen mit Schlafdefiziten geringere Toleranzgrenzen bei mechanischen Reizen beschrieben, ebenso eine verstärkte Reaktion auf Hitzestimuli.

Um herauszufinden, in welcher Weise genau die Schmerzwahrnehmung durch Schlafdefizite beeinflusst wird, haben Wissenschaftler um Dr. Sigrid Schuh-Hofer von der Universität Mannheim in einer experimentellen Studie die Auswirkungen von einer schlaflosen Nacht auf eine ganze Reihe sensorischer Funktionen geprüft (Pain 2013; online 11 May).

Dazu ließen sie 14 gesunde Probanden jeweils eine Nacht normal schlafen, eine weitere Nacht wurden die Testpersonen unter Aufsicht komplett wach gehalten.

Anschließend erfolgten jeweils morgens nach dem Frühstück die Messungen. Die beiden Tage mit den Messungen lagen im Schnitt etwa drei Wochen auseinander.

Ohne Schlaf: Müdigkeit und Kälte

Nach der durchwachten Nacht fühlten sich die meisten Probanden ziemlich müde, auf einer 100-Punkte-Skala zur Müdigkeit erzielten sie 64 Punkte, nach der normal geschlafenen Nacht nur etwa 11 Punkte.

Sechs von ihnen war nach der durchwachten Nacht zudem ziemlich kalt - sie fröstelten. Auch war der Wert auf einer Angstskala mit 35 Punkten deutlich höher als nach einer normalen Nacht (29 Punkte).

Die Forscher stellten weiterhin fest, dass in den Tests die meisten nozizeptiven Parameter nach einer schlaflosen Nacht verändert waren, nicht aber andere sensorische Parameter.

So ließen sich bei den Messungen kaum Unterschiede bei den Wahrnehmungsschwellen von Temperatur, Vibration oder anderen mechanischen Reizen feststellen.

Hingegen waren die Schwellen, ab denen diese Reize als Schmerzen wahrgenommen wurden, nach der durchwachten Nacht deutlich geringer als nach der Nacht mit normalem Schlaf.

Transmittersystem steht Kopf

Am stärksten waren die Unterschiede bei einem Kältereiz. Wurde nach der gewöhnlichen Nacht ein auf der Haut platzierter Metallkörper erst bei 15 Grad als unangenehm kalt empfunden, war das nach der schlaflosen Nacht bereits bei etwa 22 Grad der Fall.

Eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so stark ausgeprägte Reduktion der Schmerzschwelle war auch bei Hitze, Druck sowie einer Reihe von mechanischen Stimuli zu beobachten.

Die Forscher schließen daraus, dass bereits eine Nacht ohne Schlaf zu einer generalisierten Hyperalgesie sowie zu Stimmungsschwankungen mit höherem Angstempfinden führt - weshalb, das ist aber noch weitgehend unklar.

Tierversuche deuten auf Veränderungen in serotonergen, noradrenergen und opioidalen Transmittersystemen, aber auch eine vermehrte Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine durch eine schlafmangelvermittelte Immundeprivation könnte nach Angaben von Schuh-Hofer und Mitarbeitern eine Ursache für die Hyperalgesie sein.

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