Ärzte Zeitung online, 20.08.2013

Anästhetika-Unverträglichkeit

Hypnose nimmt den Op-Schmerz

Wie soll man eine Patientin schmerzfrei bekommen, wenn sie auf Anästhetika allergisch reagiert? Italienische Anästhesisten gingen einen eher ungewöhnlichen Weg.

Hypnose nimmt den Op-Schmerz

Kann den Op-Schmerz nehmen: Pendel zur Hypnose.

© Getty Images/thinkstock

PADUA. Ein wirklich kniffliger Fall, den der Anästhesist Enrico Facco von der Universität in Padua und seine Kollegen da zu lösen hatten: Einer 42-jährigen Patientin musste ein Spitztumor mit einem Durchmesser von 1 cm am rechten Oberschenkel entfernt werden.

Eine Lokalanästhesie kam jedoch nicht infrage, da die Patientin an einer sogenannten idiopathischen umweltbezogenen Unverträglichkeit oder auch multiplen Chemikalienunverträglichkeit (MCS) litt und bereits im Vorfeld mehrfach allergisch auf verschiedene Lokalanästhetika reagiert hatte.

Aus der Not heraus besannen sich die Mediziner auf eine alte, mit Aufkommen der modernen Anästhetika verdrängte Methode, die Hypnose.

In zwei Hypnose-Probesitzungen testeten die Studienautoren zunächst, wie gut sich die Patientin hypnotisieren ließ und welcher analgestische Effekt zu erzielen war.

Beim ersten Mal wurde mittels des Stanford Hypnotic Susceptibility Scale: Form C (SHSS-C) die hypnotische Suggestibilität der Patientin auf einer Skala von 1 bis 12 mit 8 eingestuft (Anaesthesia 2013; online 12. Juli).

In der zweiten Sitzung konzentrierte sich der Hypnotiseur nach der Tranceinduktion auf die Analgesie und nutzte dazu das in der Zahnmedizin übliche Hypnoseprotokoll, wobei die Schmerzempfindung anhand einer elektrischen Zahnpulpa-Stimulation getestet wird.

Nachdem bei maximaler Stimulation vollständige Analgesie bestand, lenkte der Hypnotiseur den Fokus auf den rechten Oberschenkel und suggerierte der Patientin einen Lumbalblock, indem er die Lendenwirbelsäule und nicht wie zuvor den Unterkiefer berührte.

Kurz und schmerzlos

Am Tag des Eingriffs wurde die Patientin in den Operationssaal gebracht, an alle Monitoring-Geräte angeschlossen und schließlich in Hypnose versetzt. Zehn Minuten später begann der Chirurg zu schneiden.

Das Exzidat war 6 cm x 3 cm breit und 3 cm tief. Elektrochirurgische Verfahren kamen nicht zur Anwendung, um unnötige Schmerzreize zu vermeiden. Nach 20 Minuten war der Eingriff beendet.

Während der gesamten Operation klagte die Patientin zu keiner Zeit über Schmerzen, auch Herzfrequenz und Blutdruck stiegen nicht an, vielmehr sanken sie kontinuierlich. Die Patientin bestätigte nach Beendigung der Hypnose die Schmerzfreiheit während der Operation, konnte sich aber an alle Einzelheiten erinnern.

Sie gab an, vor dem Eingriff sehr aufgeregt und ängstlich gewesen zu sein und sich vor Schmerzen gefürchtet zu haben.

Das änderte sich nach ihren Aussagen sofort mit dem ersten Schnitt, den sie lediglich als leichte Berührung wahrgenommen hatte. Die tiefe Naht wiederum hatte sie als schmerzfreies Ziehen empfunden.

Appell für eine menschlichere Medizin

Dieser Fall bestätige die Wirksamkeit der Hypnose bei der Schmerzkontrolle, resümieren Facco und seine Kollegen. Selbst in der Ära der äußerst wirksamen pharmakologischen Schmerzausschaltung sei in bestimmten Fällen die Hypnose eine erwähnenswerte Analgesie-Methode.

Besonders bemerkenswert sei die kardiovaskuläre Stabilität während des Eingriffs, so die Studienautoren.

Mit Hypnose gelang es demnach nicht nur, die Schmerzempfindung zu unterdrücken, sondern insgesamt den Operationsstress zu minimieren, was mit der pharmakologischen Anästhesie nicht gelänge.

Es sei an der Zeit, so Facco, "unser mechanistisches Paradigma mit Begeisterung für das Objektive und Vernachlässigen des Subjektiven neu zu bewerten".

"Würden wir uns ausschließlich auf Medikamente und Behandlungsmethoden versteifen und zu wenig auf die Belange der Patienten eingehen", steige deren Angst und die Schmerzempfindlichkeit, was wiederum den Medikamentenbedarf erhöhe - und das sei nicht akzeptabel. (dk)

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