Direkt zum Inhaltsbereich

Testergebnisse

Chronischer Schmerz trübt den Zahlensinn

Die Verwendung visueller Analog- und numerischer Bewertungsskalen setzt ein gewisses Zahlenverständnis voraus. Chronischer Schmerz scheint dies zu beeinträchtigen.

Veröffentlicht:

LONDON. Chronische Schmerzen gehen mit strukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn einher, die unter anderem auch den präfrontalen und parietalen Kortex betreffen. Beide Rindenareale werden mit dem Zahlensinn in Verbindung gebracht, also der intuitiven Fähigkeit, Zahlen zu verstehen und mit Größen und Proportionen umzugehen.

Wer dauerhaft unter Schmerzen leidet, kann daher möglicherweise schlechter mit Zahlen hantieren. Genau darauf deuten nun auch Untersuchungen hin, die britische Schmerzspezialisten bei Patienten durchgeführt haben.

Patienten mit chronischen Schmerzen neigen offenbar dazu, ihre Schmerzen auf einer numerischen Bewertungsskala (NRS) von 0-10 höher zu bewerten als Patienten mit Akutschmerz.

Das ergab der Vergleich der NRS-Werte von 203 chronischen und 122 akuten Schmerzpatienten, die ihre Schmerzen in einer verbalen Bewertungsskala alle als mittelstark oder stark beschrieben hatten (Br J Anaesth 2014, online 31. Juli).

Eine mögliche Erklärung für diese Hochstufung lieferte ein Experiment mit weiteren 150 Probanden: Auf einer Gerade, deren Enden mit 0 und 100 markiert waren, mussten sie die ungefähre Lage bestimmter Zahlen markieren. Patienten mit chronischen Schmerzen (n = 50) lagen öfter und stärker daneben als Patienten mit Akutschmerz (n = 50) oder Gesunde.

Dass dies einem verminderten Zahlengefühl und nicht einer motorischen Störung geschuldet war, zeigte sich bei einem weiteren Test. Diesmal waren auf der Geraden bestimmte Punkte markiert, und die Probanden mussten die zugehörigen Zahlen schätzen.

Drittes Experiment bestätigt Erfahrung

Auch hier schnitten Patienten mit chronischen Schmerzen am schlechtesten ab. Bei beiden Tests lag jeder dritte chronische, aber nur jeder zehnte akute Schmerzpatient mit seiner Schätzung mehr als zwei Standardabweichungen vom Mittelwert der Kontrollen entfernt.

Hinweise auf Schaltkreise im präfrontalen und parietalen Kortex als Ausgangspunkt dieser Beeinträchtigung ergaben sich aus einem dritten Experiment, bei dem die Probanden die Mitte einer Gerade markieren sollten.

Bei gesunden Kontrollpersonen bestätigte sich die Erfahrung, dass sie den Mittelpunkt eher in Richtung des Endes mit der höheren Zahl verlegen - unabhängig davon, ob sie links oder rechts steht. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen war eine entsprechende Abweichung nur festzustellen, wenn die höhere Zahl rechts notiert war.

Laut den Studienautoren um Joshua Wolrich vom Imperial College London ähnelt dieses Phänomen, in abgeschwächter Form, den linksseitigen Neglect-Symptomen bei Patienten mit rechtshemisphärischem parietalem Infarkt; sie sprechen daher von einem "schmerzassoziierten Neglect-artigen Symptom".

Dass bei einem Drittel der Patienten mit chronischen Schmerzen der Zahlensinn getrübt sei, wecke "Zweifel an der Eignung visueller Analogskalen und numerischer Bewertungsskalen", schreiben Wolrich und Kollegen.

"Diese Instrumente sollten in dieser Patientengruppe mit Vorsicht angewendet werden." Als Alternative schlagen sie verbale Bewertungsskalen vor. (bs)

Mehr zum Thema

Tenosynoviale Riesenzelltumoren

Diagnose und Therapie erfordern orthopädische und onkologische Expertise

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Deciphera Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München

Bessere Wirksamkeit, weniger Therapieabbrüche

Migräneprophylaxe: Gepant schlägt Topiramat im direkten Vergleich

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Tab. 1: Ansprechen untersucht in unabhängigen radiologischen Reviews nach RECIST-v1.1-Kriterien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [13]

Tenosynoviale Riesenzelltumoren

Diagnose und Therapie erfordern orthopädische und onkologische Expertise

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Deciphera Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vergleich der Kreise

Wo MRSA-Infektionen besonders häufig sind

Interview

EU AI Act: Was die neuen Transparenzpflichten für Praxen bedeuten

Kongress in Chicago

Herzkongress AHA 2026: Diese Studien könnten die Praxis verändern

Lesetipps