Ärzte Zeitung, 19.05.2009

Zeitdruck, Lärm, Reformen, wenig Pausen - das setzt Erzieherinnen unter Stress

Die Gewerkschaften wollen für die bundesweit 220 000 Erzieherinnen bei den Kommunen einen tariflich geregelten Gesundheitsschutz durchsetzen. Die Gesundheitsprobleme schildert der Arbeitswissenschaftler Professor Bernd Rudow.

Bildung wird immer mehr zur Aufgabe von Erzieherinnen.

Foto: dpa

Ärzte Zeitung: Welche Gesundheitsstörungen dominieren im Beruf der Erzieherin?

Professor Bernd Rudow: Die psychosomatischen. Nach unserer Befragung von knapp tausend Erzieherinnen haben 52 Prozent Kopfschmerzen während der Arbeit und zu Hause, es folgen leichte Ermüdbarkeit, Rückenschmerzen und Reizbarkeit. Zehn Prozent haben ein Burnout im fortgeschrittenen Stadium mit emotionaler Erschöpfung, gestörtem Verhältnis zu den Kindern und dem Gefühl der Leistungsschwäche. Psychosomatische Störungen werden daher im Streik häufig als Grund angeführt.

Ärzte Zeitung: Was sind Auslöser?

Rudow: Erzieherinnen müssen gleichzeitig Erziehung, Betreuung, Bildung, Verwaltung, therapeutische Pflichten und Gespräche mit den Eltern bewältigen. Und all das durch den Personalmangel unter Zeitdruck. Sie haben kaum Entspannung oder Pausen, zumal die Räume dafür fehlen. Es ist eine Non-Stop-Tätigkeit.

Ärzte Zeitung: Mehrfachbelastung und Zeitnot sind Kennzeichen vieler Berufe.

Rudow: Bei Erzieherinnen wirken sie sich gravierender aus, denn eine soziale Tätigkeit braucht Zeit und Ruhe: für guten Kontakt zu Kindern und Eltern oder um die unterschiedlichen Erwartungen von Kindern, Eltern und Träger zu erfüllen. Es herrscht ein permanenter Erwartungsdruck mit vielen Bezugspersonen.

Ärzte Zeitung: Was noch gefährdet die Gesundheit von Erzieherinnen?

Rudow: Der Lärm: Öfter haben wir bis 110 Dezibel gemessen. Das erhöht das Risiko für Tinnitus, Schwerhörigkeit und Hörsturz. Nach der EU-Norm beträgt die Grenze zum Gesundheitsrisiko 80 dB.

Ärzte Zeitung: Ohrenschützer können sie ja schlecht überziehen ...

Rudow: Schutz bieten aber lärmisolierende Wände, um den Nachhall zu verkürzen. Bewährt haben sich auch Lärmampeln, die bei mehr als 80 Dezibel Rot anzeigen. Kinder haben kein Gespür für Lärm, über die Farben bekommen sie eine Rückmeldung. Leiser würde es auch werden durch kleinere Gruppen.

Ärzte Zeitung: Weitere Faktoren sind sicher Muskel- und Skelettbeschwerden durch Heben und Tragen ...

Rudow: ... und durch die Möbel, die nicht für Erwachsene passen. In unserer Befragung gaben 49 Prozent der Erzieherinnen Rückenschmerzen an, 40 Prozent Nackenschmerzen - eindeutig die Folgen von Fehlbelastung, denn die Zahlen sind höher als in anderen Berufen. Anstrengend ist auch das ständige Sprechen. Zur Prävention schlage ich vor: professionelles Management, Gesundheitszirkel, Supervision oder Coaching.

Ärzte Zeitung: Unterstützen Sie die Streik-Forderungen?

Rudow: Ja, auch weil durch Reformen die Belastung enorm zugenommen hat. So wurde in Baden-Württemberg das Bildungsprogramm "Einstein" eingeführt, bei dem die Erzieherinnen die Entwicklung der Kinder dokumentieren sollen. Weiterhin zugenommen haben einerseits Gruppengrößen, andererseits Verhaltensauffälligkeiten. Und es gibt immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund, folglich Sprach- und Kulturschwierigkeiten. Diese steigenden Anforderungen spiegeln sich nicht im Gehalt wider.

Ärzte Zeitung: Im Pisa-Zeitalter besinnt man sich darauf, dass keine Altersgruppe so lernfähig ist wie Vorschulkinder.

Rudow: Erzieherinnen sollen jetzt nicht nur erziehen, sondern auch bilden. Im Kindergarten wird die nächste Generation geprägt, wodurch Erzieherinnen eine große gesellschaftliche Verantwortung haben. Doch sie werden häufig unterschätzt, ihre Arbeit wird reduziert auf Spielen, Singen, Tanzen. Noch sind Deutschland und Holland die einzigen europäischen Länder, die für diesen Beruf kein Hochschulstudium verlangen.

Das Gespräch führte Angela Speth.

Prof. Bernd Rudow

Der Arbeitswissenschaftler von der Hochschule Merseburg hat als Schwerpunkt pädagogische Berufe.

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