Ärzte Zeitung, 21.08.2008

Interview

"Man muss viel Wert auf die Anamnese legen"

Eine Migräne kann ihre Ursache auch in einem Hirntumor haben, sagt Professor Andreas Straube von der Forschungsgruppe Kopfschmerz an der Klinik und Poliklinik für Neurologie in München-Großhadern.

"Man muss viel Wert auf die Anamnese legen"

Professor Andreas Straube: Wir beginnen, den Kopfschmern besser zu verstehen.

Foto: privat

Ärzte Zeitung: Wie oft treten bei Patienten mit Hirntumoren Kopfschmerzen auf?

Professor Andreas Straube: In einer eigenen Studie mit mehr als 100 Hirntumor-Patienten hatten etwa 60 Prozent Kopfschmerzen. Bei nur zwei Prozent der Patienten war dies das alleinige Symptom des Tumors. Bei 40 Prozent der Kopfschmerzpatienten handelte es sich um Spannungskopfschmerzen. Ein Risikofaktor war, wenn die Patienten früher bereits über Kopfschmerzen geklagt hatten. Der Charakter dieser Schmerzen aufgrund des Hirntumors ähnelte dann häufig den früheren Beschwerden.

Ärzte Zeitung: Sie und Ihre Kollegen meinen, dass oft nicht mechanische Ursachen für den vom Hirntumor ausgelösten Kopfschmerz vorliegen, sondern parakrin sezernierte Signalstoffe des Tumors verantwortlich sind. Welche diagnostischen und welche therapeutischen Konsequenzen hat das?

Straube: Mechanismen, die bei primären Kopfschmerzen bedeutsam sind, wirken offenbar auch bei sekundären Kopfschmerzformen. Deshalb sind womöglich Therapieprinzipien bei primären Kopfschmerzen auch bei sekundären Kopfschmerzformen effektiv. So sind Betablocker bei Hirntumor-Kopfschmerzen prophylaktisch wirksam, wie wir festgestellt haben. Triptane können auch bei migräneartigem Kopfschmerz nach Subarachnoidalblutung oder nach epileptischen Anfällen wirken. Damit verwischen die Grenzen zwischen symptomatischen und primären idiopathischen Kopfschmerzen. Differenzialdiagnostisch bedeutsam ist, dass eine Migräne ihre Ursache auch in einem Hirntumor haben kann, und zwar durch Mechanismen, die wir noch nicht genau kennen.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet das für den praktischen Alltag?

Straube: Dass man stets viel Wert auf die genaue Kopfschmerzanamnese legt, prüft, ob neue Symptome hinzugekommen sind und ob tatsächlich der neurologische Befund unauffällig ist. Und womöglich muss man doch eher eine bildgebende Untersuchung anstreben, als bislang in den Leitlinien empfohlen.

Ärzte Zeitung: Sollte man bei früheren Migräne-Patienten, die jahrelang attackenfrei waren und jetzt plötzlich wieder Kopfschmerzattacken haben, aktiv nach einem Hirntumor suchen?

Straube: Dafür würde ich mich nur aussprechen, wenn tatsächlich über 10, über 20 Jahre absolut keine Attacken aufgetreten waren.

Ärzte Zeitung: Welche Bedeutung haben die Zusammenhänge zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen für die Forschung?

Straube: Wir beginnen genauer zu verstehen, was eigentlich den Kopfschmerz auslöst. Es scheint eine gemeinsame Endstrecke zu geben. Die Aktivierung der gemeinsamen Endstrecke erfolgt über ganz unterschiedliche Triggerfaktoren, unter anderem von Faktoren, die von Tumoren sezerniert werden. (ner)

Lesen Sie dazu auch:
Nach 30 Jahren ohne Migräne-Attacken löste ein Tumor wieder Kopfschmerzen aus

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