Ärzte Zeitung, 22.02.2012

Kopfweh-Selbstmedikation wird oft missbraucht

Fast jeder zweite Patient mit chronischen Kopfschmerzen nimmt zu oft oder zu lange Analgetika in Selbstmedikation ein - zumindest nach Studiendaten aus Norwegen.

Kopfweh-Selbstmedikation wird oft missbraucht

Selbstmedikation bei Kopfschmerzen: Viele Patienten nehmen die Schmerzmittel zu häufig und zu lange ein.

© Kati Neudert / fotolia.com

OSLO (dk/eis). Kopfschmerzmittel in der Selbstmedikation sollten nicht öfter als zehnmal pro Monat und nicht länger als drei Tage hintereinander geschluckt werden, betont die Deutsche Schmerzliga. Dass sich viele Patienten mit chronischen Kopfschmerzen nicht daran halten, belegt eine norwegische Studie.

Dabei haben Forscher um Espen Saxhaug Kristofferson vom Akershus University Hospital in Oslo die Therapie von 405 Patienten mit chronischen Beschwerden (mehr als 15 Tage Kopfweh pro Monat) untersucht (J Head ache Pain 2012; 13: 113).

Davon litten 384 Patienten an Spannungskopfschmerzen und 15 an Migräne. 20 Prozent hatten gänzlich auf ärztlichen Rat verzichtet. 80 Prozent waren wegen der Beschwerden zum Hausarzt gegangen, jeder Fünfte davon war dann zum Neurologen überwiesen worden und vier Prozent wurden stationär behandelt.

Therapiedauer bei Schmerzmitteln wurde überschritten

Insgesamt nahmen 87 Prozent der Patienten Schmerzmittel in Selbstmedikation ein, neun Prozent sogar täglich. Die empfohlene Therapiedauer wurde von 46 Prozent überschritten, vor allem bei Paracetamol und Ibuprofen (115 Patienten), seltener bei Kombinationspräparaten (51 Patienten) oder Triptanen, Opioiden oder Ergotamin.

Prophylaktisch wurden nur wenige Patienten behandelt. Komplementär- und alternativmedizinische Maßnahmen (CAM) wie Physiotherapie, Akupunktur und Chirotherapie nutzten 253 Patienten.

Dass gerade Paracetamol und Ibuprofen zu häufig oder zu lang eingenommen werden, sei nicht verwunderlich, so die Forscher. Schließlich handelt es sich um rezeptfreie Schmerzmittel, die stark nachgefragt werden.

Um die Situation zu verbessern und vor allem um medikamenteninduzierte Kopfschmerzen zu vermeiden, fordern die Forscher eine besonders enge Vernetzung von Arzt und Patient. Zudem müsse mehr Augenmerk auf prophylaktische Maßnahmen gelegt werden, um Analgetika-Missbrauch zu verhindern.

[23.02.2012, 13:32:05]
PD Dr. Thomas Weiser 
Die zitierte Arbeit sagt etwas anderes!!!!
Wie immer ist es hilfreich, die Originalarbeit zu lesen: 80% der chronischen Kopfschmerzpatienten waren in ärztlicher Behandlung, 87% nahmen Kopfschmerzmittel ein. Das legt nahe, dass der überwiegende Anteil Kopfschmerzmittel in Absprache/nach Verordnung durch ihren Arzt einnahmen (auch wenn sie diese im Rahmen der Selbstmedikation erworben haben).
Auf ärztliche Anordnung darf man Kopfschmerzmittel natürlich auch außerhalb der Selbstmedikationsbeschränkungen einnehmen; das ist per se kein Mißbrauch,und dieser Hinweis findet sich auf jedem Beipackzettel!

Somit ist die Formulierung "Insgesamt nahmen 87 Prozent der Patienten Schmerzmittel in Selbstmedikation ein" irreführend - aller Wahrscheinlichkeit nach war es gerade keine Selbstmedikation.

Dass leicht zugängliche Analgetika häufiger eingenommen werden als andere, sollte auch nicht überraschen.

Fazit: Die Therapie chronischer Kopfschmerzen in Norwegen erscheint optimierbar; Horrorszenarien wegen scheinbar mißbräuchlicher Anwendung von Selbstmedikationsschmerzmitteln sind aus diesen Daten aber nicht abzuleiten. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »