Ärzte Zeitung online, 24.07.2013

EEG-Untersuchung

Migränepatienten sind bessere Problemlöser

Migränepatienten suchen intensiver nach Lösungsmöglichkeiten als Gesunde. Das haben jetzt Messungen der Gehirnströme mit Hilfe der Elektroenzephalografie ergeben.

MÜNCHEN/ROSTOCK. Es ist aus einer Vielzahl von Studien bekannt, dass sich Migränepatienten im Vergleich zu Gesunden oft übermäßig anstrengen, um die ihnen gestellten Aufgaben möglichst perfekt zu erledigen.

Dies konnte bislang experimentell jedoch nicht nachgewiesen werden, teilt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) mit.Mit der vorliegenden Studie ist es gelungen, die unterschiedliche Problemverarbeitung anhand eines sogenannten "Hilflosigkeitsexperimentes" darzustellen (J Neural Transm (2012) 119:1213-1221).

Dabei konnten die Wissenschaftler durch Messung der Gehirnströme mittels Elektroenzephalografie (EEG) zeigen, dass Migränepatienten stärker als Gesunde dazu tendieren, eine experimentell erzeugte Hilflosigkeitssituation zu bewältigen.

Studie mit 24 Migränepatienten und 24 Gesunden

"In unserer Studie mit 24 Migränepatienten und 24 gesunden Personen wurde ein vom Teilnehmer selbst abzustellendes Tonsignal ohne sein Wissen plötzlich blockiert. Der Ton konnte nicht mehr sofort abgestellt werden. Eine Situation der Hilflosigkeit entstand. Die teilnehmenden Migränepatienten aktivierten mehr kognitive Ressourcen, den Ton abzustellen, als die Gesunden. Das drückt sich in einem vergrößerten EEG-Signal und in einer signifikant schnelleren Reaktionszeit aus", wird Professor Dr. Peter Kropp, von der DMKG und Autor der Studie in der Mitteilung zitiert.

Insgesamt könne daraus geschlossen werden, dass Migränepatienten in entsprechenden Situationen einen intensiveren Problemlösevorgang auslösen.

Sie sind demnach nicht hilfloser wie zunächst in früheren Studien angenommen wurde, sondern suchen nach mehr Möglichkeiten, das neu erkannte Problem zu lösen. Sie gehen dabei intensiver und effektiver an Schwierigkeiten heran und verfügen über eine bessere Problemlösungskompetenz.

Hilflosigkeitserleben geht mit EEG-Signal einher

Hilflosigkeit kann durch Situationen ausgelöst werden, in denen die Person negative emotionale Gefühle und eine fehlende Kontrolle über die Situation erlebt.

Dieses Hilflosigkeitserleben wiederum geht eng mit einem EEG-Signal einher, welches in einer experimentellen Situation gemessen werden kann.

Dabei muss der Teilnehmer auf verschiedene Töne hören und bei einem bestimmten Ton sehr schnell einen Reaktionsknopf drücken, welcher dann diesen Ton abschaltet.

Nach Abschalten des Tones kann man einen charakteristischen EEG-Verlauf beobachten, der "post-imperative negative Variation" (PINV) genannt wird. Wandelt man nun das vorher beschriebene Experiment ab, indem nach einer gewissen "Einübungszeit" der Ton trotz korrekten Tastendrucks plötzlich nicht mehr abgeschaltet werden, kann eine besonders ausgeprägte PINV beobachtet werden.

Diese wird oft als experimentell ausgelöstes Hilflosigkeitserleben interpretiert. Dabei lässt sich diese vermehrte Reaktion dem Wechsel der Kontingenz (fehlender Reaktion auf den Tastendruck) zuordnen.

Reaktion auf Tastendruck untersucht

Die Arbeitsgruppe hat sich jetzt die Frage gestellt, inwieweit in dieser experimentell geschaffenen Situation Migränepatienten von Gesunden unterschiedlich reagieren.

In der Studie wurden 24 Migränepatienten mit 24gesunden Probanden in ihrer Reaktion auf den Tastendruck untersucht. Für jede korrekte Reaktion bekam der Teilnehmer als Belohnung einen Euro.

Nach 16 der 32 Messdurchgänge konnten die Teilnehmer plötzlich den Reaktionston trotz Tastendrucks nicht mehr abschalten, er dauerte dann jeweils mehrere Sekunden an und die bis dahin angehäufte Belohnung schmolz ab.

Während Gesunde nur kurz auf diesen "Kontingenzwechsel" in Form einer vergrößerten PINV-Amplitude reagiert haben, war dieses Signal in der Migränegruppe deutlich länger und ausgeprägter vorhanden.

Außerdem war die Reaktionszeit, also die Zeit zwischen Tonsignal und Tastendruck, bei Migränepatienten signifikant schneller. (eb)

[30.10.2013, 19:03:33]
Tom Jeffrey Lohmann 
Fazit
Ich glaub ganz so einfach ist das nicht. Da kommt die Frage wieder ins Spiel was war als erstes da. Ich erinnere mich hier an die These, das bei Migränikern oft eine anankastische Persönlichkeit(-störung) vorliegt. Was ist nun aber Ursache und Folge? Bedingt die Migräne die Persönlichkeitsstörung oder andersrum? In diesem Zusammenhang steht auch das Ergebnis die Studie. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, das die anankastische Persönlichkeitsstörung, bei Menschen mit der Veranlagung zur Migräne, diese auch eher und ausgeprägter entwickeln. Menschen mit der gleichen Veranlagung für Migräne, aber ohne entsprechende Persönlichkeitsstörung, bei Ausbruch dieser nicht so drunter zu leiden haben. Und dann jene Gruppe, die keine Veranlagung zur Migräne haben, aber eine anankastische Persönlichkeitsstörung. Jene Gruppe hier aber nicht zum tragen kommt. Mit den Eigenschaften eine erhöhte Verausgabungsbereitschaft, Perfektionsstreben, geringe Distanzierungsfähigkeit (Abgrenzung, auch mal nein zu sagen) begünstig natürlich eine Überlastung der neuronalen Funktion und Gleichgewicht, zu mal auf das eigene Wohl weniger geachtet wird und dann Triggerfaktoren wie zu wenig Schlaf, zu wenig Trinken, zu wenig Erholung usw. noch zusätzlich dazu beitragen, bei vorliegender Prädisposition. Der Anankastiker neigt dazu eine Lösung für alles zu finden, gibt sich mit weniger nicht zufrieden. Es lässt sich nicht unbedingt auf die Migräne an sich zurückführen. Dafür ist diese Studienaussage zu pauschal. Problematisch bleibt nur die Klärung warum Kleinkindern, die bereits eine Migräne entwickelten, die Ursachen zu sehen sind? Nicht jeder entwickelt sie in der Jugendzeit oder noch im Erwachsenenalter. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Psychotherapie-Richtlinie steht vor holprigem Start

16:10 Der Start der neuen Psychotherapie-Richtlinie am 1. April löst bei den Beteiligten keine Begeisterung aus. Die Kritik überwiegt. Lesen Sie die aktuellen EBM-Ziffern. mehr »