Ärzte Zeitung, 19.03.2007

Bei Rückenschmerzen ist die Muskulatur häufig der Übeltäter

Verschleiß nur selten Schmerzursache / Paradigmenwechsel in Diagnostik und Therapie gefordert / Retardiertes Flupirtin ist Therapie-Option

FRANKFURT AM MAIN (ner). In der Rückenschmerztherapie sei es Zeit für einen Paradigmenwechsel, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Dr. Gerhard Müller-Schwefe. Denn Abnutzung und Verschleiß sind, entgegen landläufiger Annahmen, nur bei einem Bruchteil der Patienten Ursache der Beschwerden.

Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung hätten ergeben, dass nicht Entzündungen ursächlich für die meisten Rückenschmerzen seien, sondern viel häufiger Bewegungsmangel und einseitige Belastungen. Darauf wies Müller-Schwefe beim Deutschen Schmerztag in Frankfurt am Main hin.

"Bei 60 bis 70 Prozent aller Rückenschmerzen ist die Muskulatur die Ursache", sagt auch der Halberstädter Chirurg und Manualtherapeut Dr. Wolfgang Bartel. Er hält nichts vom Fahnden nach vermeintlich defekten einzelnen Strukturen mit diversen bildgebenden Verfahren. Viel mehr müsse auf funktionelle Zusammenhänge am Rücken geachtet werden. Dies sei nur möglich mit einer gründlichen klinischen Untersuchung, die die "vier A" berücksichtige: Anamnese, Ausziehen, Anschauen, Anfassen.

Die funktionellen Zusammenhänge müssten auch Grundlage der Behandlung sein. "Analgetika sind niemals eine kausale Therapie!", so Bartel. Auch Müller-Schwefe ist gegen die weit verbreitete Therapie mit nichtsteroidalen Antirheumatika. Neue Erkenntnisse über Schmerzentstehung und Schmerzwahrnehmung müssten sich auch auf die medikamentöse Therapie auswirken.

So haben Schmerzforscher entdeckt, dass die Muskulatur unterschwellige Signale aussenden kann. Diese lösen normalerweise keine Schmerzen aus. Sie können aber Nervenzellen im Rückenmark sensibilisieren, wenn sich Signale häufig wiederholen - etwa bei Bewegungsabläufen oder Körperhaltungen. Die schwachen Signale können durch Verstärkung auf Rückenmarksebene eine Hyperalgesie auslösen und dann Dauerschmerzen verursachen.

Die Überaktivität lasse sich offenbar dämpfen, sagte Müller-Schwefe. So habe retardiertes Flupirtin in einer Anwendungsbeobachtung bei 700 Rückenschmerzpatienten schmerzlindernd und muskelentspannend gewirkt. Auf der zehnstufigen Skala sanken die Schmerzen in einer Woche von im Schnitt 7,0 auf 3,8 und binnen zwei Wochen auf 3,0.

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