Ärzte Zeitung, 27.11.2012

Epidural-Injektion bei Ischialgie

Spritze ohne Wirkung

Epidurale Steroidinjektionen, gleich mit welcher Technik, lindern die Beschwerden einer Ischialgie offenbar nur wenig und wenn überhaupt nur kurzfristig. Forscher zweifeln sogar, ob der Effekt überhaupt klinisch relevant ist.

Von Robert Bublak

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Epidurale Injektion von Steroiden ist eine Option für Patienten mit Ischialgiebeschwerden.

© Morrosch/fotolia.com

SYDNEY. Welchen Einfluss haben epidurale Injektionen von Kortikosteroiden auf Ischialgie-typische Beschwerden, wie Schmerzen im Rücken, in den Beinen und körperliche Beeinträchtigung?

Dieser Frage sind Forscher um Rafael Zambelli Pinto von der Sydney Medical School nachgegangen; in einer Metaanalyse hierzu haben sie 23 randomisierte und Placebo-kontrollierte Studien ausgewertet (Annals Intern Med 2012; online 13. November).

Der Bewertung zugrunde lagen jeweils genormte Skalen von 0 (keine Beschwerden) bis 100 (maximale Beschwerden). Als klinisch relevanter Schwellenwert galt dabei eine Veränderung von mindestens 10 Skalenpunkten nach der Injektion.

Die Resultate nähren Zweifel, dass sich eine Ischialgie mit Kortikoidinjektionen in den Epiduralraum sinnvoll bekämpfen lässt. Ein Nutzen, der länger als drei Monate angehalten hätte, ließ sich nicht nachweisen.

Und auch kurzfristig linderten die Spritzen die Beinschmerzen (-6,2 Punkte) und die körperlichen Einschränkungen (-3,1 Punkte) nur wenig. Der positive Effekt lag unter der Grenze, die als klinisch relevant anzusehen war.

Doch als Option erwägen?

Die Rückenschmerzen wurden gar nicht beeinflusst. Welcher Methode sich die Schmerztherapeuten bedienten - kaudale, transforaminale oder interlaminäre Injektionen - spielte für das Ergebnis keine Rolle.

"Es gibt Belege von hoher Qualität dafür, dass epidurale Injektionen einen kleinen kurzzeitigen Effekt auf Beinschmerzen und Behinderung, aber keine langfristigen Wirkungen haben", so die Forscher.

Dennoch halten sie diese Form der Behandlung - neben der Operation - für eine Option bei Patienten, die unter andauernden Ischialgiebeschwerden leiden und dadurch körperlich eingeschränkt sind.

Über die Therapie müsse im Licht der klinischen Ergebnisse zusammen mit dem Patienten entschieden werden, betonen die Forscher. "Dabei sollten die Resultate der vorliegenden Übersicht über epidurale Kortikoide in die Erörterungen einfließen."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die Krux mit dem Kreuz

[27.11.2012, 14:22:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Mit Kanonen auf Spatzen schießen?
Die vorliegende Analyse aus den "Annals of Internal Medicine" bestätigt eine früher publizierte Cochrane-Analyse in Spine 2009; 34:49-59. Dort wurden in einer Literatur-gestützten Auswertung randomisierte, kontrollierter Studien (RCT) bewertet. Die Effekte von epiduralen-, Facetten- und lokalen Kortison-Injektionen bei subakut bis chronischem unteren Rückenschmerz wurden eingeschlossen ("RCTs on the effects of injection therapy involving epidural, facet, or local sites for subacute or chronic low back pain were included."). Vergleichende Studien mit Injektionen in Bandscheiben, proliferative Injektionstherapien mit Reizstoffen und Ozontherapie wurden ausgeschlossen ("Studies that compared the effects of intradiscal injections, prolotherapy, or ozone therapy with other treatments were excluded"). Ebenso Studien mit ISG-Injektionen und periradikulären Therapien (PRT) bei Wurzelreizungsschmerzen ("Studies about injections in sacroiliac joints and studies evaluating the effects of epidural steroids for radicular pain were also excluded"). Die Cochrane-Nutzen-Analyse war mit diesen Einschränkungen eindeutig negativ.

Dr. A. Werber, Uniklinikum Heidelberg, betonte in MMW 2012; 154: 39-45 ebenfalls, dass unspezifische Steroid-Injektionen bei chronischem Rückenschmerz umstritten sind.

Das Management der Ischialgie ("The Management of Sciatica"), ein Symptomenkomplex mit akut schmerzhafter Reizung des N. ischiadicus, ausgerechnet mit epiduralen bzw. periduralen Steroidinjektionen angehen zu wollen, ist die falsche Intervention am falschen Ort mit vermeidbaren lokalen und systemischen Risiken. Das oft mit einfachen Worten ("Doktor, ich hab' Rücken") verbalisierte Krankheitsbild der Lumboischialgie sollte mit differenzierten, abgestuften und kausalen Behandlungskonzepten beantwortet werden: Differenzierte Schmerztherapie, ggf. lokale Analgetika o h n e Kortikosteroide, Zusatzbehandlung neuropathischer und "mixed-pain" bedingter Beschwerden und integrative Physiotherapie bzw. Mobilisation sind und bleiben das Gebot der Stunde.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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