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Ärzte Zeitung, 20.09.2016

Rückenschule

Auch nach fast 50 Jahren kaum Evidenz zur Wirksamkeit

Seit genau 47 Jahren gibt es das Konzept der "Rückenschule", doch die Evidenz für eine langfristige Wirksamkeit bei chronischem Rückenschmerz im Bereich der Lendenwirbelsäule ist bis heute unbefriedigend.

Ein Hintergrund von Elke Oberhofer

Auch nach fast 50 Jahren kaum Evidenz zur Wirksamkeit

Konfliktpunkt: Was bringt eine Rückenschule auf lange Sicht gesehen?

© Esther Hildebrandt / fotolia.com

Das weltweit erste Rückenschulprogramm entstand bereits 1969 in Schweden; seitdem haben unzählige Institutionen, von Reha-Kliniken und Betrieben über Krankenkassen bis hin zu Volkshochschulen, Rückenschulen angeboten.

Die Vielfalt der Maßnahmen ist dabei ebenso unüberschaubar wie deren Träger; nicht zuletzt unterscheiden sich die Programme auch in ihrer Zielsetzung. Es werden Trainer oder Lehrer mit unterschiedlichstem Hintergrund eingesetzt, und auch die Klientel ist alles andere als homogen.

Was bringt das: Metanalyse will Antworten liefern

Die große Frage "Was bringt das?" ist daher alles andere als leicht zu beantworten. Nachdem der letzte Cochrane-Bericht zum Thema Effizienz von Rückenschulen über zehn Jahre zurückliegt, hat sich nun ein deutsch-kanadisch-britisches Team die Mühe gemacht, die vorliegende Literatur zu sichten (Pain 2016, online 26. Juli). 31 randomisierte, kontrollierte Studien zur Wirksamkeit von Rückenschulprogrammen bei chronischem Schmerz im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule wurden ausgewertet.

Wie Sebastian Straube von der Abteilung Preventive Medicine an der University of Alberta, Kanada, und sein Team feststellen, lässt sich jedoch auch aus dem entstandenen Review mit Metaanalyse keine klare Schlussfolgerung ableiten.

Begründung: Die Studien seien zu heterogen, das als optimal angesehene Kriterium – in Rückläufer-Fragebögen berichtete Schmerzintensität – wurde unzureichend erhoben, arbeitsbezogene Effekte wurden mit zu großer Variabilität erfasst und die Dokumentation unerwünschter Ereignisse erwies sich als unbefriedigend.

Kein einheitliches Bild in Studien

Immerhin zehn Studien zeichneten sich durch ein geringes Verzerrungsrisiko aus. Aber auch diese kamen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen: Mal besserte sich der Behinderungsgrad durch die Rückenschule nicht so deutlich wie beispielsweise durch die McKenzie-Intervention, mal war die Rückenschule gegenüber reinem Training im Vorteil, zum Beispiel was den Oswestry Disability Index anbelangte.

In einer Studie bewirkte die Rückenschule im Vergleich mit einer Standardversorgung eine signifikante Verbesserung auf der VAS-Skala und im Roland Morris Disability Questionnaire, in einer anderen war beides nicht der Fall. Mehrere Studien verglichen multimodale Maßnahmen, von denen sich die Rückenschule jedoch nicht isolieren ließ.

Im Nachhinein führten Straube und Kollegen eine Analyse der VAS-Schmerz-Scores bei behandelten Patienten durch. Hier ergab sich zwar ein deutlicher Nutzen der Rückenschule nach ein bis zwei Monaten. Nach vier bis sechs Monaten war der Vorteil jedoch nicht mehr signifikant.

Vier Studien hatten sich dem durch Rückenschmerzen bedingten Arbeitsausfall gewidmet, allerdings, so Straube, partout nicht so, dass man die Daten hätte zusammenführen können.

Lediglich fünf Studien konnten die Forscher in einer Metaanalyse zusammenfassen. Als Kriterium diente der Roland Morris Disability Questionnaire. Ergebnis: Auch hier signifikante Vorteile nach ein bis zwei, aber kein deutlicher Nutzen mehr nach vier bis sechs Monaten.

Placebo? Forscher fordern bessere Daten

Es gibt nach Straube mehrere Phänomene, wodurch die Studien verfälscht worden sein könnten. Das eine sei das der "Kompensation": Arbeiter, die sich durch die Schulung "gewappnet" gegen Rückenschäden fühlen, könnten möglicherweise erst recht riskante Verhaltensweisen an den Tag legen, weil sie die "Schutzwirkung" überschätzten. Sie würden dann zum Beispiel größere Lasten heben als zuvor.

Auf der anderen Seite müsse man berücksichtigen, dass die Rückenschule selbst einen Placeboeffekt auslösen könne – bei Schmerzen sei es nichts Ungewöhnliches, dass sie sich bereits unter Placebo besserten.

Immer noch werde mit unzureichenden Endpunkten gearbeitet, kritisieren Straube und Kollegen. Man müsse daher nicht nur mehr, sondern auch bessere Studien auflegen.

Was an nicht medikamentösen Maßnahmen sinnvoll sei, habe eine Studie vor wenigen Jahren untersucht. Am besten wirksam (mäßige Effizienz) waren demnach kognitive Verhaltenstherapie, Training, Wirbelsäulenmanipulation und eine interdisziplinäre Rehabilitation.

[03.11.2016, 21:05:22]
Wolfgang P. Bayerl 
"Rückenschule" sollte endlich abgelöst werden
durch Krafttraining von Rücken- und Bauchmuskulatur.
Wir schonen uns zu Tode sagte der Herr Kieser, Gründer einer bekannten Kette dafür.
Und er hat recht. Schonung, der Kern der "Rückenschule" ist eine negative schiefe Ebene, ebenso wie das viel zu frühe Benutzen eines Rollators.
Dabei gilt gerade für die WS: Stabilität vor Beweglichkeit. Eine "alte" WS sollte nicht all zu sehr "mobilisiert" werden (isometrisch, gegen Widerstand).
Bücken und in die Hocke gehen, sollte jedoch bis ins hohe Alter möglich sein, hier lohnt ein Blick in den fernen Osten, bes. Japan, die werden noch älter als wir, ganz ohne Rollator. zum Beitrag »
[03.11.2016, 10:25:48]
Stefan Peters 
Lieber evidenzbasierte Rückenschule
Mir sei ein Nachtrag erlaubt zu dem vorherigen Kommentar: Das genannte Curriculum Rückenschule, welches in der hier besprochenen Metaanalyse genannt, aber nicht einbezogen wird, wird in Deutschland weiter über Train-the-Trainer Seminare disseminiert: http://bit.ly/2ffaqsO

Es ist Zeit, evidenzbasierte Rückenschulen weiter zu fördern, auch das zeigt der Bericht hier.
 zum Beitrag »
[11.10.2016, 09:34:49]
Stefan Peters 
Rückenschule ist nicht gleich Rückenschule
Vielen Dank für diesen Artikel zum Thema Rückenschulen.

Leider greift die von Ihnen beschriebene Übersichtsarbeit zu kurz! Im Titel ist von fast 50 Jahren die Rede. In dieser Zeit hat sich das Verständnis von Rückenschmerzen und deren Behandlung massiv gewandelt. Dies hatte auch auf Rückenschulen einen großen Einfluss (wenn auch wohl mit einiger Verspätung). In der genannten Metaanalyse werden aber alle Konzepte zusammengeworfen und auf inhaltliche Unterschiede wird unzureichend eingegangen. Details zu dieser Kritik sind hier näher erläutert: http://www.dvgs.de/blog/item/65-r%C3%BCckenschule-ist-nicht-gleich-r%C3%BCckenschule.html

Wir, vom Deutschen Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS), bilden Rückenschul-Kursleiter auf der Basis eines Kurskonzeptes „Rückengesundheit“ aus, welches biopsychosozial ausgerichtet ist und evidenzbasiert entwickelt wurde (Pfeifer, K. (2007). Rückengesundheit. Köln: Dt. Ärzteverlag).
Seit dem Jahr 2004 setzt sich zudem die Konföderation der deutschen Rückenschulen (KddR), in der der DVGS neben anderen Fachverbänden Mitglied ist, für eine qualitativ hochwertige Rückenschullehrer-Ausbildung ein. Dabei kommt ebenfalls ein modernes Rückenschulkonzept zum Einsatz, welches sich von alten Grundsätzen gelöst hat.

In der med. Rehabilitation in Deutschland ist mittlerweile das Curriculum Rückenschule (CR) weit verbreitet. Das CR hat sich in einer randomisiert kontrollierten Studie (Meng et al., 2011, Clinical Journal of Pain) in einigen Outcomes überlegen gezeigt gegenüber einer alten, eher biomedizinisch ausgerichteten Rückenschule.
Diese Studie (Meng et al., 2011) wurde übrigens in die Metaanalyse - um die es hier geht - ausgeschlossen. Die Review-Autoren schreiben, dass sie sie nicht für ihre Analyse verwenden konnten, weil beide Interventionsarme eine Rückenschule enthielten. Genau das ist der Punkt! Rückenschule ist nicht gleich Rückenschule!
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