Ärzte Zeitung, 19.10.2004

Gelenkprothesen-Op wird immer sanfter

Navigationssysteme, zementfreie Implantation und minimal-invasive Technik sind aktuelle Trends in der Endoprothetik

Alte und adipöse Menschen - und damit Arthrosepatienten - stellen in Deutschland bald den Großteil der Bevölkerung, prognostizieren Forscher. Die Tendenz dahin ist offensichtlich. Künstlicher Gelenkersatz, der gut und lange funktioniert, wird also immer wichtiger. Darum sind Fortschritte in der Endoprothetik beim Kongreß der Unfallchirurgen und Orthopäden in Berlin ein Schwerpunktthema.

Von Sarah Louise Pampel

Die minimal-invasive Hüftendoprothetik, Navigationssysteme - vor allem bei der Implantation künstlicher Kniegelenke - sowie das Bevorzugen unzementierter Hüftendoprothesen nicht nur bei jungen, sondern auch bei alten Patienten nennt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Professor Volker Ewerbeck aus Heidelberg, als Beispiele für aktuelle Trends in der Endoprothetik.

Für fast alle Gelenke gibt es künstlichen Ersatz
Zahl der in Deutschland pro Jahr implantierten Endoprothesen
95 Prozent der Knie- und Hüftprothesen funktionieren mindestens 15 Jahre lang, und auch für Finger-, Schulter- und Sprunggelenke gibt es gute Langzeitdaten.

Die minimal-invasive Implantation von Hüftgelenken ist in Deutschland im Gegensatz zu den USA noch wenig verbreitet. Aber: "Bisherige Daten lassen erkennen, daß Patienten nach solch einer Op wesentlich schneller wesentlich besser zurechtkommen als nach Standard-Op", sagt Ewerbeck im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Jüngere Patienten in gutem Allgemeinzustand könnten die Akutklinik nach minimal-invasiver Op schon nach vier statt nach den üblichen zwölf Tagen verlassen. In den USA würden minimal-invasive Eingriffe, bei denen über unterschiedliche Zugänge sehr atraumatisch und blutarm operiert wird, sogar bereits ambulant gemacht. Allerdings ist dazu eine adäquate Pflege zu Hause nötig. Welche und wieviele Zugänge bei dieser Operationstechnik am besten sind, wird noch diskutiert.

Eine weitere relativ neue Entwicklung ist die Implantation von Knieendoprothesen mit Hilfe von Navigationssystemen, die räumliche Bilder der Gelenkregion und des Implantats in allen Bewegungsphasen liefern. Die 3D-Navigation ermögliche die perfekte Ausrichtung der Prothese in allen Raumebenen und optimiere die Spannung der Seitenbänder und Sehnen, sagt Ewerbeck.

So wird die Prothesenhaltbarkeit verlängert. Dabei sei die strahlenintensive CT-basierte Navigation, bei der prä-Op eine dreidimensionale Darstellung der Knochen erstellt wird, nur noch bei sehr problematischen Op-Verhältnissen sinnvoll, etwa bei sehr Adipösen. "Der Zug fährt am CT vorbei." CT-freie Systeme dagegen werden beliebter, da sie weniger Aufwand erfordern. Sie arbeiten mit einer Infrarot-Kamera im OP, die über am Knie angebrachte Antennen die Position von Knochen und Op-Besteck registriert.

Der Trend zu unzementiertem Hüftersatz basiert darauf, daß ein Prothesenwechsel dadurch erleichtert wird. Muß man keinen Zement herausklopfen, bleibe mehr Knochen zum Verankern neuer Implantate, so Ewerbeck. Aber: Lange galten zementfreie Implantate im Gegensatz zu zementierten als nicht gleich belastbar - ein Nachteil für ältere, gebrechliche Patienten.

Ewerbeck: "Wir haben nun gelernt, daß man auch unzementierte Prothesen sofort belasten kann. Spätestens am Tag nach der Op können die Patienten darauf stehen." Bei unter 50jährigen, bei denen sehr wahrscheinlich Wechsel nötig werden, ist zementfreies Operieren schon lange Standard. Aber auch bei Patienten um die 80 Jahre mit guter Knochenqualität werde nun die unzementierte Variante bevorzugt. "Im deutschsprachigen Raum geht man generell dazu über, Prothesen zementfrei zu implantieren."

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