Ärzte Zeitung, 14.03.2005

Tips zur individuellen Therapie bei Arthrose und Arthritis

Zunächst sollte eine Nutzen-Risiko-Abschätzung erfolgen / Patienten mit gastrointestinalem Risiko ohne Herz-Kreislauf-Risiko sollten Coxib erhalten

FRANKFURT AM MAIN (mar). Aufgrund der Diskussion um die kardiovaskuläre Sicherheit von Coxiben in den vergangenen Monaten sind Patienten vermehrt mit klassischen NSAR behandelt worden. Das Problem dabei: Ob NSAR eine bessere kardiovaskuläre Sicherheit aufweisen als Coxibe, sei in Studien bislang nicht untersucht worden. Das kritisierte Privatdozent Michael Überall vom Schmerzzentrum Nürnberg beim Deutschen Schmerztag in Frankfurt am Main.

Im Vergleich zu den klassischen NSAR sind die selektiven COX-2-Hemmer (Coxibe) eine in Studien außerordentlich gut untersuchte Substanzgruppe, sind sich die Experten einig. Von Vorteil ist die wesentlich bessere gastrointestinale Verträglichkeit und Sicherheit, was besonders Patienten mit erhöhtem Risiko für unerwünschte gastrointestinale Wirkungen und Komplikationen zugute kommt. Hierzu gehören etwa über 60jährige oder Patienten mit Ulkusanamnese.

Wie können Patienten, die eine analgetische und entzündungshemmende Therapie benötigen, behandelt werden? Zunächst sollte immer eine Nutzen-Risiko-Abschätzung erfolgen, riet Professor Wolfgang Bolten von der Klaus-Miehlke-Klinik in Wiesbaden. Diese Abschätzung berücksichtige sowohl das gastrointestinale als auch das kardiovaskuläre Risiko, sagte der Wissenschaftler beim Symposium des Unternehmens Pfizer.

Da sich bei Durchsicht der Studiendaten zu Coxiben gezeigt habe, daß das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse mit der Dosis und der Therapiedauer steigt, sollte gemäß den aktuellen Empfehlungen der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA und der US-Behörde FDA vom Februar die niedrigste ausreichend wirksame Dosierung eines Coxibs gewählt werden, und die Therapie sollte so kurz wie möglich dauern.

Konkret rät der Rheumatologe:

  1. Patienten, die weder ein erhöhtes gastrointestinales noch ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben, können mit einem klassischen NSAR behandelt werden.
  2. Patienten ohne gastrointestinales, aber mit kardiovaskulärem Risiko sollten mit NSAR und zusätzlich mit niedrig dosierter ASS behandelt werden.
  3. Patienten mit gastrointestinalem, aber ohne kardiovaskuläres Risiko sollten ein Coxib bekommen.
  4. Bei Patienten mit gastrointestinalem und erhöhtem kardiovaskulärem Risiko rät Bolten zu einem Coxib plus ASS plus einem Protonenpumpenhemmer (PPI).

Da die kardiovaskuläre Schutzwirkung von ASS durch NSAR abgeschwächt wird, sollte ASS immer eineinhalb bis zwei Stunden vor dem NSAR eingenommen werden, so der Pharmakologe Professor Kay Brune von der Universität Erlangen.

Außer bei chronisch rezidivierenden Gelenkschmerzen wie Arthrose, rheumatoider Arthritis und Gicht sieht Überall den Nutzen von Coxiben wie Parecoxib (Dynastat®) in der Linderung postoperativer Schmerzen. Als Beispiel nannte er die Fallgeschichte eines 28jährigen Fußballspielers mit Kniegelenksverletzung, bei dem arthroskopisch eine Meniskektomie gemacht wurde.

Da bei diesem Patienten kein kardiovaskuläres Risiko bestand, konnten die postoperativen Schmerzen gut mit Parecoxib gelindert werden. Dieser Wirkstoff habe eine stärkere analgetische Wirkung als die häufig in dieser Situation verwendeten klassischen Analgetika Paracetamol oder Ketoprofen, so Überall.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »