Ärzte Zeitung, 20.09.2006

Heftiger Fußschmerz durch "Frostballen" und steife Zehen

Ein orthopädischer Chirurg beschreibt, wie Hallux valgus, Hallux limitus und Hallux rigidus entstehen / Viele Faktoren können Ursache sein

Der pathologische Schiefstand der großen Zehe und das durch arthrotische Veränderungen steif gewordene Großzehengrundgelenk sind typische Verursacher von heftigen Fußschmerzen. Sie gehören heute zu den häufigsten Fußerkrankungen.

Hallux rigidus: Man sieht Knochensporne am Großzehengrundgelenk (kleiner Pfeil) sowie die Hochstellung des I. Strahls im Vergleich zu den anderen. Foto: Ärzte Woche

Von Michael Vitek

Der Hallux valgus, im Volksmund auch Frostballen oder Überbein genannt, tauchte in der bildenden Kunst bereits in der Antike im 7. Jahrhundert vor Christus auf. Er ist daher keine ausschließliche Erscheinung unserer Tage. Trotzdem zählt er gegenwärtig zu den häufigsten Verursachern von Fußschmerzen.

Meist sind viele Faktoren Ursache für die Entstehung eines Hallux valgus. Unterschieden wird zwischen inneren und äußeren Faktoren. Bei den inneren Faktoren scheinen in erster Linie Vererbungsfaktoren eine große Bedeutung zu haben.

In sogenannten Halluxfamilien haben Großmutter, Mutter und auch Töchter einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Hallux valgus. Der Erbgang kann aber auch rezessiv sein, was bedeutet, daß die Vererbung nicht alle Familienmitglieder betrifft, sondern manche Generationen ausläßt und Sprünge macht. Auch das weibliche Geschlecht hat Gewicht.

Wo genau der Erbfaktor aber sitzt, ist nicht bekannt. Möglicherweise sind es Anomalien mancher Muskeln und Sehnen.

Ägyptischer Fuß fördert Valgusstellung der Großzehen

Weiter gibt es anatomische Gegebenheiten, die das Auftreten des Hallux valgus begünstigen, wie ein sogenannter ägyptischer Fuß, bei dem die Großzehe länger ist als die zweite Zehe. Auch eine generelle Bandlaxität, also das Vorhandensein von sehr weichen Bändern und Bindgewebe im ganzen Körper, begünstigt die Ausbildung von Spreizfuß und Hallux valgus. Unter den äußeren Faktoren stehen an erster Stelle westliche Konfektionsschuhe.

Spitze und oft zu kurze Schuhe drängen besonders eine lange Großzehe geradezu in die Valgusfehlstellung und stören durch Einzwängen des Fußes das notwendige ausbalancierte Sehnenspiel. Dies begünstigt die Entwicklung eines Ungleichgewichtes im Muskelzug, woraus in Verbindung mit anderen Faktoren ein Hallux valgus entstehen kann.

Zusätzlich scheint ein enger Schuh die mediale Gelenkskapsel zu verletzen und somit den Zug des Musculus abductor hallucis zu schwächen. Außerdem dürfte sich durch den Schuhdruck der am inneren Teil des Mittelfußköpfchens befindliche Schleimbeutel chronisch entzünden. Diese Entzündung schwächt die Kapselbänder, welche die Großzehe dann nicht mehr in ihrer geraden Stellung halten können.

Andere Ursachen eines Hallux valgus können Verletzungen, Muskelerkrankungen, Entzündungen wie Gicht sowie Rheumatismus, neurologische Erkrankungen wie Poliomyelitis, Multiple Sklerose und weitere Leiden sein.

Wie geht nun die Fehlstellung anatomisch-pathologisch vonstatten? Was geschieht mit den Knochen, Bändern, Muskeln und Sehnen? Wie entwickelt sich die Fehlstellung? Die Antworten dieser Fragen stellen die Grundlage für jede Wiederherstellung des Fußes dar.

Unabhängig von der Ursache kommt es zunächst zum Ungleichgewicht im Großzehengrundgelenk. Die Abweichung der Großzehe entsteht durch eine bestimmte Form und Anordnung der Gelenke zwischen dem ersten und dem fünften Mittelfußknochen sowie den Fußwurzelknochen, die ein Auseinanderweichen und Aufsteigen dieser Mittelfußknochen ermöglichen.

Vereinfacht gesagt, entfernt sich durch Spreizfußbildung der erste Mittelfußstrahl weg von der Fußachse. Das erste Mittelfußköpfchen verläßt die aus Kapsel, Sehnen und Sesambeinen gebildete Pfanne, wodurch die Sehnen relativ gesehen zu kurz werden und die Großzehe zunehmend nach außen (in den Valgus) ziehen. Das erste Mittelfußköpfchen ragt nun durch die Zehensubluxation zur Fußmitte und wird zur Pseudoexostose.

Wenn der erste Mittelfußkopf seine Gelenkpfanne zur Mitte hin verläßt, werden die Sesambeinchen durch ein starkes Band beim zweiten Köpfchen gehalten. Die Zehe wird durch den Zug der langen Sehnen und von den kurzen Fußmuskeln zur Außenseite gezogen. Diese Veränderungen verursachen letztlich den Hallux valgus.

Bei Hallux limitus und rigidus handelt es sich um eine Arthrose im Großzehengrundgelenk, die mit oder ohne Valgusfehlstellung einher geht. Der Hallux limitus zeigt noch geringe Zeichen der Gelenksdestruktion, ist aber in seiner Beweglichkeit beim Abrollen eingeschränkt, also limitiert. Er ist ein Vorstadium des Hallux rigidus, der "steifen Großzehe", deren Bewegungsumfang und Arthrosezeichen noch weiter ausgeprägt sind.

Beschwerden sind sehr verschieden stark ausgeprägt

Die Symptome dieser Krankheit sind ein außerordentlich weites Feld. Sie reichen - wie auch die Symptome bei Arthrosen anderer Gelenke - von der zwar bewegungseingeschränkten, sonst aber vollkommen schmerz- und beschwerdefreien Großzehe bis zu schwersten Schmerzattacken in Ruhe und beim Gehen.

Die große Varianz der Beschwerden kommt zustande, da erstens die Schmerzschwelle von Mensch zu Mensch außerordentlich verschieden ist und überdies von der jeweiligen Befindlichkeit abhängt, also durchaus eine starke Tagesvariabilität aufweist. Zweitens kann ein Hallux limitus bereits im Anfangsstadium ohne besondere röntgenologische Veränderungen durch Aktivierung der Arthrose beträchtliche Schmerzen verursachen. Hingegen bringt ein ausgewachsener Hallux rigidus mit schweren Arthrosezeichen und stark eingeschränkter Gelenkbeweglichkeit nahezu keine Schmerzen mit sich und wird vielleicht nur zufällig bei einer Untersuchung entdeckt.

Die Erklärung hierfür ist, daß im ersten Fall eine massive Entzündung der Synovialis vorliegt und im zweiten Fall neben einer niedrigen Schmerzschwelle des Patienten der ganze Fuß genügend Elastizitätspotential für Ausweichbewegungen besitzt. Der Fuß ist also in der Lage, die Beweglichkeitsverminderung im Großzehengrundgelenk zu kompensieren.

Ursachen für die Entstehung der Arthrose im Großzehengrundgelenk können alle Vorgänge sein, die die Knorpelgesundheit und damit die normale Knorpelfunktion im Grundgelenk stören. Dazu zählen beispielsweise Verletzungen, wobei nicht nur das einmalige Trauma gemeint ist, sondern auch häufige Mikrotraumata durch Sport oder schwere körperliche Arbeit.

Eine herausragende Erkrankungsursache scheint eine Höherstellung des ersten Mittelfußknochens (Metatarsus primus elevatus) zu sein; eine eindeutige Klärung steht allerdings noch aus. Auch neuromuskuläre Erkrankungen oder ein subluxierter und deswegen inkongruenter Hallux valgus können in der Folge zum Hallux rigidus werden. Weitere Ursachen sind Stoffwechselerkrankungen (Diabetes, Gicht), Osteonekrose, septische und aseptische Entzündungen des Großzehengrundgelenkes und seiner Knochenpartner.

Beim Hallux rigidus ist ein genetischer Defekt beteiligt

Letztlich kann ein Hallux rigidus auch die Folge einer Operation am Großzehengrundgelenk sein, was gar nicht so selten zutrifft. Weitere morphologische Gründe der Versteifung sind die bemerkenswert ausgedehnte Großzehe und der lange erste Mittelfußknochen des ägyptischen Fußes sowie der Knickplattfuß.

Einiges spricht auch dafür, daß sich der Hallux rigidus ohne klinisch ersichtliche Ursache durch einen genetisch bedingten, intrinsischen Defekt im Großzehengrundgelenk entwickelt. Übereinstimmend sind sich die meisten wissenschaftlichen Autoren darüber einig, daß der höhergestellte erste Strahl die Hauptursache für die Entstehung dieser Erkrankung sein kann - dies ist auch ein wichtiger therapeutischer Ansatz.

Primarius Dr. Michael Vitek ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, Leiter der Abteilung für Psychoorthopädie der Universität in Wien und der Schwerpunktabteilung für Knie- und Fußchirurgie der Privatklinik Goldenes Kreuz. Kassenpraxis in Wien. Infos: www.knieschmerzen.at

Der Artikel erschien zuerst in der "Ärzte Woche am 31. August 2006.

BUCHTIP

Primarius Dr. Michael Vitek aus Wien veröffentlichte bereits einige Bücher mit orthopädischem Schwerpunkt. Mit seinem neuesten Buch "Hilfe bei Fußschmerzen" wendet er sich zwar an Patienten. Aber auch Ärzte können sich damit rasch einen Überblick über akute und chronische Fußbeschwerden, deren Entstehung und Therapie verschaffen.

Michael Vitek: Hilfe bei Fußschmerzen. Kneipp-Verlag, Leoben; 239 Seiten; broschiert;15,80 Euro. ISBN 3708803744

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