Ärzte Zeitung, 10.11.2006

HINTERGRUND

In Deutschland gibt es viel mehr Arthrose-Kranke als vermutet

Von Ilse Schlingensiepen

Typischer Röntgenbefund bei Arthrose: Der Gelenkspalt des Kniegelenks ist verschmälert. Foto: Universität Ancona

Offenbar gibt es in Deutschland viel mehr Arthrose-Kranke als bislang angenommen worden ist. Werden Daten einer Befragung von 5000 Bürgern aus Herne hochgerechnet, dann haben 8,5 Millionen Erwachsene in der Bundesrepublik eine Arthrose. Bislang wurde von etwa fünf Millionen ausgegangen.

Ein weiteres Ergebnis der epidemiologischen Herner Arthrosestudie (HER-AS): Ein Drittel der Patienten mit Knie- und Hüftgelenksbeschwerden, die eine Schmerztherapie benötigen, nehmen keine Schmerzmittel ein. Und eine nicht-medikamentöse Therapie wie Krankengymnastik oder Reizstrom erhält nur knapp die Hälfte der Betroffenen.

Für HER-AS haben Mediziner des Marienhospitals Herne 8000 Fragebögen an Herner Bürger über 40 Jahren versandt (wir berichteten). 5000 Antworten konnten in die Auswertung einbezogen werden. 900 Patienten mit Knie- und Hüftgelenksbeschwerden wurden darüberhinaus in der Klinik untersucht. "Das ist die umfangreichste Studie zur Arthrose in Deutschland", sagte Dr. Ulrich Thiem, der für die Studie zuständige Oberarzt des Marienhospitals. Beteiligt an der Studie war auch die Initiative "Stark gegen den Schmerz".

Und das sind die wichtigsten Daten der Studie:

  • 55 Prozent der Teilnehmer hatten am Befragungstag Gelenkschmerzen, bei 67 Prozent war das in den vergangenen vier Wochen der Fall gewesen und bei 71 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten.
  • 30 Prozent der Patienten mit Gelenkschmerzen klagten über Knie- und 19 Prozent über Hüftschmerzen, 25 Prozent hatten Schmerzen an der Schulter, 21 Prozent an Hand oder Finger, 13 Prozent an Füßen oder Zehen, elf Prozent am Ellenbogen und neun Prozent an den Sprunggelenken.
  • 33 Prozent der Teilnehmer mit Gelenkschmerzen hatten starke Schmerzen beim Treppensteigen, nur vier Prozent hatten keine Beschwerden bei dieser Aktivität. Etwa 25 Prozent hatten erhebliche oder extreme Schwierigkeiten beim Herabsteigen einer Treppe.
  • 22 Prozent derjenigen mit Gelenkschmerzen litten unter einer starken Steifigkeit des betroffenen Gelenks nach längerem Ausruhen oder Sitzen. 20 Prozent hatten starke Schmerzen beim Gehen auf ebener Erde.
  • Vier von zehn Teilnehmern mit Hüft- oder Kniebeschwerden waren in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung wegen der Gelenkschmerzen zur ambulanten Behandlung beim Hausarzt oder Orthopäden, die meisten von ihnen drei- bis viermal. Zwei Prozent nahmen den vertragsärztlichen Notdienst in Anspruch, sechs Prozent waren wegen der Gelenkschmerzen mindestens einmal im vergangenen Jahr stationär in Behandlung.
  • Etwa 15 Prozent der Studienteilnehmer mit Gelenkschmerzen wurden als hochgradig sturzgefährdet eingestuft.

"In der ambulanten Versorgung werden Beeinträchtigungen der Mobilitätsein von Arthrosekranken unterschätzt", sagte Thiem bei der vom Unternehmen MSD unterstützten Veranstaltung zur "Ärzte Zeitung". Ärzte sollten die Patienten gezielter nach Einschränkungen durch Schmerzen fragen, um früher als bisher zu behandeln. Auch nach Zeichen von Verstimmtheit oder Depression sollten bei chronischen Schmerzpatienten gezielt gefragt werden.

Notwendig sei eine Optimierung der Schmerztherapie, sagte Thiem. Offenbar gebe es dabei sowohl Unsicherheiten bei Ärzten und Patienten. Um die Therapietreue zu fördern, sollte offen mit den Patienten über ihre Ängste und Unsicherheiten bei der Einnahme von Schmerzmitteln gesprochen werden.

STICHWORT

Arthrose

Arthrose wird oft gleichgesetzt mit Osteoarthrose. Eine Ursache sind bekanntlich Schäden durch Überbeanspruchung, wie sie bei Sport, Schwerarbeit und hohem Körpergewicht vorkommen können. Eine weitere wichtige Ursache ist die Alterung des Gelenkknorpels mit reduzierten Permeabilität für Nährstoffe und Abnahme der Mukopolysaccharide. Folgen sind Erweichung, Rißbildung und Erosion des Knorpels. Die Leistungsfähigkeit des Gewebes vermindert sich. Eine Arthose wird zudem durch alle Form- oder Funktionsstörungen gefördert. Deshalb werden solche Faktoren, zum Beispiel Fraktur mit Gelenkbeteiligung oder Formveränderung des Gelenkknorpels, als präarthrotische Deformitäten bezeichnet. Die häufigste klinische Arthrose-Form ist die Arthrosis deformans. Sekundäre Formen entstehen aus angeborenen Dysplasien. (eb)

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