Ärzte Zeitung, 23.09.2004

12,51 Sekunden über 100 Meter - und das mit einer Beinprothese

Technik verhilft auch behinderten Nicht-Sportlern im Alltag zu größerer Flexibilität

DUDERSTADT (ddp). Unglaublich, welche Leistungen dieser Tage bei den Paralympics in Athen erzielt werden. So hat der Wattenscheider Sprinter Wojtek Czyz beim 100-Meter-Lauf der Oberschenkelamputierten den paralympischen Rekord in 12,51 Sekunden um eine Zehntelsekunde unterboten. Die Technik macht solche Rekorde möglich. Einer der Hauptausrüster der behinderten Sportler ist die Otto Bock HealthCare GmbH aus Duderstadt, eigenen Angaben zufolge Weltmarktführer in der Prothetik.

Die Deutsche Sabine Wagner sprintet bei den Paralympics die 100 Meter mit einer Unterschenkelprothese. Foto: dpa

Die Prothesentechnik aus Niedersachsen ermögliche aber nicht nur Hochleistungssportlern Spitzenleistungen, sondern verhelfe auch anderen Amputierten zu einem weitgehend unbeschwerten Alltag, betont Meike Brouwer, Produktmanagerin bei Otto Bock. Auf das Modell "C-Leg" sei man in Duderstadt besonders stolz.

Die weltweit erste Prothese dieser Art "denkt" quasi mit: Sensoren registrieren 50 Mal pro Sekunde, ob der Träger gerade steht, geht oder läuft. Ein Mikroprozessor paßt die Bewegungen des Kniegelenks ohne Zeitverzögerung dem Körper an. Im Gegensatz zu herkömmlichen Prothesen muß der Amputierte nicht mehr jede Bewegung bewußt und konzentriert ausführen.

Jedes "C-Leg" wird individuell auf die Bedürfnisse seines Trägers eingestellt. Mit Hilfe einer speziellen Software justiert ein Orthopädietechniker per Laptop die Prothese, um einen flüssigen und harmonischen Bewegungsablauf zu gewährleisten. Seit der Einführung 1997 nutzen weltweit mittlerweile etwa 8000 Patienten die Vorteile der computerisierten Prothese.

Christin Ropte ist eine von ihnen. Im Alter von zwölf Jahren verlor sie durch einen Tumor ihr linkes Bein. Nach jahrelangen Erfahrungen mit einer herkömmlichen Prothese geht sie seit 15 Monaten mit dem "C-Leg" durchs Leben und fühlt sich damit rundum wohl. "Es ist halt einfach sicherer", berichtet die 20jährige, die sich derzeit zur Orthopädietechnikerin ausbilden läßt.

Bei Waldspaziergängen mit ihrem Hund müsse sie jetzt nicht mehr auf jede Wurzel achten und könne stattdessen den Blick auch einmal schweifen lassen. Die gesteigerte Lebensqualität macht sich auch im Berufsalltag bemerkbar. Die Menschen seien selbstbewußter und leistungsfähiger, sagt Produktmanagerin Brouwer, die selbst seit sieben Jahren ein "C-Leg" trägt und nicht selten zehn Stunden am Tag für den Job auf den Beinen ist. Allerdings hätten noch viele Menschen Vorurteile gegenüber Amputierte und fühlten sich beim Anblick einer Prothese sichtbar unwohl.

Weitere Informationen im Internet unter www.ottobock.de

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