Ärzte Zeitung, 22.10.2004

Scheuermann haben soviele Mädchen wie Jungen

Bandscheibeneinbrüche in Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper / Unruhige Wirbelfläche als Krankheitszeichen

NÜMBRECHT (ner). Die Diagnose Morbus Scheuermann wird insgesamt zu häufig gestellt, meint der Orthopäde Professor Klaus M. Peters aus Nümbrecht und gibt Tips für die Diagnostik. Denn: Die Erkrankung sollte nicht mit Kompressionsfrakturen oder dem juvenilen Rundrücken verwechselt werden.

Röntgenbild des BWS-LWS-Übergangs bei M. Scheuermann. In der BWS (nahe oberer Bildrand) sind Schmorl'sche Knötchen zu erkennen. Fotos (2): miz Röntgenbild der LWS einer 17jährigen mit M. Scheuermann: abgeflachte Lordose und unregelmäßige Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper.

Wichtigster Unterschied: beim juvenilen Rundrücken sind keine wesentlichen morphologischen Veränderungen an der Wirbelsäule im Röntgenbild nachweisbar, beim M. Scheuermann dagegen kommt es zu Bandscheibeneinbrüchen in die Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper (Schmorl’sche Knötchen), verschmälerten Zwischenwirbelräumen und Keilwirbelbildung bis hin zur fixierten Kyphose. Multiple Kompressionsfrakturen sind aber oft schwer von einem Scheuermann zu unterscheiden, hier dürfte jedoch die Anamnese weiterhelfen.

Peters räumt in einem Artikel für die Zeitschrift "Orthopädie & Rheuma" (3, 2004, 49) mit einer weiteren Fehlannahme auf. So sind junge Frauen ebenso häufig von der Erkrankung betroffen wie junge Männer. Die Häufigkeitsangaben schwanken nach Angaben des Orthopäden zwischen einem und acht Prozent, der Gipfel liegt in der Pubertät.

Tückisch ist, daß nur ein Drittel der Betroffenen über Beschwerden klagt. Bei Adoleszenten mit auffälligem Rundrücken oder nach vorne gezogenen Schultern lohnt es sich daher, genauer hinzuschauen: Im Rutschhaltetest können die Patienten keine gerade Linie von Armen und Wirbelsäule bilden, zum Teil findet sich auch eine Hüftbeugekontraktur. Beschrieben werden auch eine verminderte Knochenmineraldichte bei gleichzeitig erhöhter alkalischer Phosphatase im Serum.

Ist die Erkrankung fortgeschritten, bestehen gegebenenfalls unspezifische oder belastungsabhängige Rückenschmerzen, eine zunächst noch reversible Kyphose fixiert sich allmählich mit entsprechender Überlastung der Gelenkfacetten und kompensatorischer Hyperlordosierung der Hals- und Lendenwirbelsäule. Außer diesem Thorakal-Typ gibt es auch Patienten mit totalem Rundrücken (Thorakolumbal-Typ) oder den Lumbal-Typ mit Flachrücken.

Therapieziel ist die ventrale Entlastung der Wirbelkörper mit spezifischen Physiotherapie-Konzepten. Zugleich wird die Rumpfmuskulatur gekräftigt. Kann die fortschreitende Kyphosierung nicht gestoppt werden, erfolgt die Korsett-Therapie. Das habe jedoch nur bei Kindern und Jugendlichen mit noch wachsender Wirbelsäule Erfolg, betont Peters. Eine chirurgische Stabilisierung ist nur selten nötig.

STICHWORT

Rutschhaltetest

Der Patient kniet sich auf den Boden und rutscht solange mit den Händen nach vorn, bis Arme und Wirbelsäule eine Gerade bilden. Dies gelingt nicht, wenn bereits ein Rundrücken vorliegt.

Schmorl’sche Knötchen

Durch die knorpelige Grundplatte des Wirbelkörpers ist Bandscheibengewebe bis in die Spongiosa vorgedrungen und verknorpelt oder verkalkt. Dies imponiert auf dem Röntgenbild als röntgendichtes Knötchen. Namensgeber der Knötchen ist der Pathologe Christian Georg Schmorl aus Dresden.

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