Ärzte Zeitung, 16.12.2010

Hintergrund

Schäden am Halsmark: Hohes kardiopulmonales Risiko für Patienten

Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen, wie der in der ZDF-Show "Wetten, dass ..?" verunglückte Samuel Koch, sind am besten in einem spezialisierten Zentrum aufgehoben. In Deutschland gibt es mittlerweile 24 dieser Art.

Von Simone Reisdorf

Bei Schäden am Halsmark haben Betroffene auch ein hohes kardiopulmonales Risiko

Wirbelsäule im Visier: Verletzungen sind häufig. In Deutschland erleiden jährlich 1 700 Menschen ein spinales Querschnittsyndrom.

© Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

Jeder Patient mit einer Para- oder Tetraplegie ist einzigartig hinsichtlich seiner Verletzung und seiner Prognose. Die Therapiechancen der Betroffenen lassen sich durch die Betreuung in einem spezialisierten Zentrum optimieren.

Der Unfall des 23-jährigen Samuel Koch in der ZDF-Show "Wetten, dass…" hat eine Tetraplegie verursacht. Sensorik und Motorik aller vier Gliedmaßen und die vegetativen Funktionen sind beeinträchtigt.

Die Spontanatmung ist aber gewährleistet. "Ursache der Lähmungen war eine Verletzung mehrerer Halswirbel", erklärte Dr. Hans-Georg Koch, Oberarzt am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Es sind bei dem Patienten nach wie vor Schwellungen am Halsmark vorhanden. Entscheidend für die Prognose sind die ersten beiden Wochen." Der Patient kann laut einer Medieninformation "normal sprechen und sich normal ernähren."

Samuel Kochs tragischer Unfall lenkt den Blick auch auf die vielen anderen von Wirbelsäulenverletzungen betroffenen Menschen: "Allein in Deutschland erleiden jährlich etwa 1 700 Menschen ein sogenanntes spinales Querschnittsyndrom.

60 Prozent von ihnen haben eine Paraplegie und 40 Prozent eine Tetraplegie", sagte Dr. Klaus Röhl, Präsident der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie.

Er ist zugleich Chefarzt des Zentrums für Rückenmarkverletzte der Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannstrost in Halle/Saale. In dieser Klinik werden jährlich 300 bis 360 Menschen mit Wirbelsäulenverletzungen behandelt.

"Hauptursache für Tetraplegien sind Unfälle, zum Beispiel mit dem Mountainbike, mit dem Motorrad oder durch einen Sprung ins Wasser", so Röhl. 70 Prozent der Tetraplegiker seien Männer. Und nur bei jedem Zwanzigsten sei kein Unfall, sondern eine Erkrankung wie zum Beispiel eine ankylosierende Spondylitis oder eine Osteoporose ursächlich für die Tetraplegie.

"Jeder Patient hat eine individuelle Verletzung", betonte Röhl. Bei Samuel Koch etwa ist das Halsmark beschädigt, aber nicht komplett durchtrennt, wie Oberarzt Koch erläuterte. Das heißt: Hier kann unter der Schädigung noch ein Rest von Funktionalität vorhanden sein; eine genaue Prognose ist oft erst nach Monaten möglich.

"Wirbelsäulenverletzte müssen in jedem Fall schnell und kompetent versorgt werden", betonte Röhl. "Sie profitieren von der Behandlung in einem spezialisierten Zentrum, das rund um die Uhr auf die besonderen Anforderungen eingestellt ist."

In Deutschland gibt es 24 solcher Zentren, darunter die neun Unfallkliniken der Berufsgenossenschaften, aber auch Kliniken etwa in Bad Wildungen und Bayreuth. "Jeder Notarzt sollte das nächstgelegene Zentrum kennen", so Röhl.

Der Experte erläuterte das Procedere bei Halsmarkverletzten in seiner Klinik: Innerhalb einer Stunde werden die Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren abgeschlossen, und es wird dann über eine Operation entschieden. Diese soll die Halswirbelsäule im geschädigten Bereich umgehend stabilisieren, dabei aber das umliegende Gewebe schonen.

Röhls Patienten erhalten darüber hinaus in den ersten 24 Stunden eine hochdosierte Kortikosteroid-Therapie. "Diese kann Sekundärschäden verringern. Und nach unseren Erfahrungen treten weder Thrombosen noch Stoffwechselentgleisungen vermehrt auf", sagte der Experte.

Halsmarkgeschädigte sind wegen der Störungen im vegetativen Nervensystem auch kardiopulmonale Hochrisikopatienten, wie Röhl betonte: "Hier muss man wenigstens drei bis sechs Monate sehr achtsam sein."

Auch die Pflege dieser Patienten ist extrem aufwändig: Alle drei Stunden müssen die Verletzten sachgerecht umgelagert werden, um ein Dekubitus zu vermeiden. Und alle vier Stunden müssen die gelähmten Gliedmaßen passiv bewegt werden. Außerdem muss ein Katheter gelegt werden. Der Personalschlüssel ist eins zu eins.

Samuel Koch und seine Familie hoffen und beten für eine Besserung seines Zustandes. Auf Nachfrage beschrieb Röhl das Ausmaß von Besserung, das er bei seinen Patienten am ehesten beobachtet: "Die Lähmung ändert sich manchmal um ein Segment nach unten. Das kann den Unterschied ausmachen, ob man Ellenbogen oder Hände strecken, sich allein umsetzen oder Auto fahren kann. Um diese Funktionalitäten muss der Arzt wissen und kämpfen."

Oberarzt Koch schätzte dies ebenso ein und fügte hinzu: "Unser ganzheitliches Rehabilitationskonzept beinhaltet auch psychologische Betreuung zur Vermeidung reaktiver Depressionen. Den Patienten neue Perspektiven aufzuzeigen ist unser großes Anliegen."

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