Ärzte Zeitung, 24.10.2012

Fibromyalgie-Patienten

Keine eingebildeten Kranken

Bewegungs- und aktivierende Psychotherapie sind die Kernelemente einer evidenzbasierten Fibromyalgie-Therapie.

BOCHUM (kat). Vielen Rheumatologen geht es wie dem britischen Arzt Sir William Osler: Sie würden gern zur Hintertür hinausgehen, wenn ein Fibromyalgie-Patient das Sprechzimmer betritt.

Dies liege nicht zuletzt an vielen Vorurteilen und wenigen Behandlungserfolgen, so Professor Ernest Choy, Universität Cardiff.

Patienten mit Fibromyalgie werden oft als eingebildete Kranke abgestempelt. Zu Unrecht, denn: "Auch andere rheumatische Erkrankungen zeigen einen uneinheitlichen Phänotyp mit entsprechend variablem Ansprechen auf die Therapie," erläuterte Choy beim Rheumatologen-Kongress in Bochum.

Veränderte Schmerzwahrnehmung

Auf jeden Fall beweist die moderne Bildgebung, dass Betroffene eine veränderte Schmerzwahrnehmung haben.

Laut Choy geht man heute davon aus, dass dieses weit verbreitete chronische Schmerzsyndrom durch einen Mangel an erholsamem Schlaf ausgelöst wird.

Dies führe zu den in der modernen funktionellen Bildgebung nachweisbaren Veränderungen wie einer reduzierten neuronalen Aktivität im rostralen anterioren Gyrus cinguli oder einer geringeren Dichte an μ-Opioid-Rezeptoren im rechten dorsalen anterioren Gyrus cinguli.

Die Modulation der deszendierenden Schmerzbahnen ist verändert, was zu einer höheren Schmerzsensibilität, insbesondere an den Triggerpunkten, führt.

Ziel der Therapie ist es, dem Patienten Strategien an die Hand zu geben, mit seiner Krankheit besser und aktiver umzugehen.

Daher sind gemäß neuer S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie Bewegungstherapie und aktivierende Psychotherapie die Kernelemente einer evidenzbasierten Fibromyalgie-Therapie.

Kognitive Verhaltenstherapie empfohlen

Ein individuell angepasstes Ausdauer- und Krafttraining hat sich als besonders effektiv erwiesen, wie Professor Wolfgang Eich, Universitätsklinikum Heidelberg, berichtete.

Idealerweise sollte das Bewegungstraining mit Entspannungs- und Psychotherapieverfahren (z. B. kognitive Verhaltenstherapie) kombiniert werden, welche die Selbstwirksamkeit steigern. Natürlicherweise ist beides bei Tai Chi und Yoga miteinander verbunden.

Die nicht-pharmakologischen Maßnahmen sollten um pharmakologische ergänzt werden. Als nicht für die Fibromyalgie-Therapie geeignet werden in der S3-Leitlinie entzündungshemmende Schmerzmittel, Opioide und Cannabinoide eingestuft.

Bestimmte Antidepressiva können zeitlich begrenzt und niedrig dosiert, also in einer Dosis, in der sie schmerz- und nicht stimmungsmodifizierend wirken, sinnvoll sein.

[24.10.2012, 12:24:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Semantische Spitzfindigkeit?
Selbst wenn es tatsächlich "eingebildete" Kranke gäbe, wären sie durchaus real und nicht virtuell. Und Patienten, die sich Alles nur einbilden, sind kranke Menschen aus Fleisch und Blut, die ärztliche Hilfe benötigen. Oder wollten wir Ärztinnen und Ärzte zu Medizin-bildungsfernen Schichten gehören?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hohes Sterberisiko bei Ausbruch in der Adoleszenz

Wenn sich Typ-1-Diabetes in einem besonders vulnerablen Alter manifestiert, brauchen Betroffene viel Aufmerksamkeit. Sie haben ein hohes Risiko, an Komplikationen zu sterben. mehr »

100 Prozent Zustimmung

Die KBV-Vertreterversammlung präsentiert sich in neuer Einigkeit und richtet die Speere – wieder – nach außen. Klare Kante gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenhäusern. "Wir sind auf Kurs", meldete KBV-Chef Gassen. mehr »

Herz-Kreislauf-Risiko von Anfang an im Blick behalten!

Bei RA-Patienten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die wichtigste Todesursache. Die aktuellen Therapiealgorithmen zielen nicht zuletzt darauf ab, die Steroidexposition zu begrenzen. mehr »