Ärzte Zeitung, 15.12.2014

Bei Kindern

Röntgen-Thoraxaufnahmen oft überflüssig

Was Radiologen längst ahnen oder wissen: Viele der angeforderten Röntgen-Thoraxaufnahmen bei Kindern und Jugendlichen sind überflüssig, auch für die Therapie. Wann ist Thorax-Röntgen bei Kindern also vernünftig und indiziert?

Von Gabriele Wagner

CHICAGO. Immer noch werden häufig Röntgenaufnahmen des Thorax bei Kindern und Jugendlichen angefordert, die keine primären Lungensymptome haben.

Sondern die wegen anderer Beschwerden wie Synkopen, Schwindel, Schwächeanfällen, vorübergehenden Tachykardien oder unspezifischen Unwohlseins zum Haus- oder Kinderarzt oder gleich in die Klinik gebracht werden. Aber was bringen solche Aufnahmen?

Nichts, sagen Radiologen um Dr. Ann Packard von der Mayo Clinic in Minnesota, USA. Und sie ziehen sogar bei vielen Kindern, die Brustschmerzen haben, den Sinn von Röntgen-Thoraxaufnahmen in Zweifel.

Dabei stützen sich die Forscher auf eine Analyse der Daten von 636 Kindern, die zwischen 2008 und 2014 in der Mayo Clinic geröntgt worden waren. Die Thoraxaufnahmen stammten von Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre.

Die Patienten wurden geröntgt wegen Schmerzen im Brustbereich (n=330) oder wegen Synkopen, Schwindel, vorübergehender Tachykardie oder unspezifischen Unwohlseins (n=306).

Aufnahmen von Kindern mit bekannter Herzkrankheit, nach kürzlich erfolgter Operation oder die bereits in Behandlung waren, als der Rö-Thorax angefordert wurde, wurden nicht für die Studie berücksichtigt.

Die Aufnahmen wurden nochmals von Radiologen befundet, die keine Kenntnis der klinischen Symptome hatten. Dann schauten die Kollegen, wie die Kinder therapiert wurden bzw. ob sich nach den Thoraxaufnahmen etwas an der Therapie geändert hatte (Scientific Poster PDS254).

Die Ergebnisse, die Packard jetzt beim internationalen Radiologenkongress RSNA in Chicago vorstellte, lassen aufhorchen:

Bei keinem der Kinder ohne Symptome im Thoraxbereich wurden pathologische Befunde gesehen; und die Untersuchung hatte keinen Einfluss auf die Therapie.

Bei 292 (88,5 Prozent) der 330 Kinder mit Brustschmerzen gab es ebenfalls keine auffälligen Befunde.

Bei 38 (11,5 Prozent) aller Kinder mit Brustschmerzen wurden die klinischen Verdachtsdiagnosen bestätigt: 17 Mal eine Pneumonie, 12 Mal eine Bronchitis, 4 Mal eine Atelektase, 2 Mal Thoraxtrauma (etwa Rippenfraktur) und jeweils 1 Mal Bronchiektasie, Pneumothorax und Fremdkörper.

Packard sagte in Chicago: Weder Kinder ohne Thoraxsymptome noch ihre Ärzte profitieren von Röntgen-Thoraxaufnahmen.

Solche Aufnahmen hatten in der Studie keinen Einfluss auf das Therapieregime. "Wir sollten die anfordernden Ärzte erziehen, um Strahlenbelastung und Kosten zu senken." Und das betreffe auch Kinder mit unspezifischen Thoraxsymptomen wie "Schmerz".

Wenige wichtige Indikationen

Die einzigen, für die ein Röntgen-Thorax nützlich und wichtig ist, sind Kinder mit klinischem Verdacht etwa auf eine Pneumonie, vor allem auch bei Fieber; Kinder mit Fieber unklarer Ursache oder nach einem Trauma, wie Packard sagte.

Sie schlägt Radiologen vor, mit den Überweisern oder anfordernden Ärzten vor dem Röntgen noch mal zu sprechen.

Und in jedem Fall auch später noch mal nachzufragen, wie es mit den Kindern weiter ging, egal ob sie doch geröntgt wurden oder ob der anfordernde Arzt nach dem Gespräch auf die Aufnahme verzichtete.

Das stärke nicht nur die eigene Sicherheit, sondern könne auch anfordernde Ärzte eventuell davon überzeugen, geübte Routinen ("schnell noch einen Rö-Thorax zum Ausschluss") zu überdenken.

Appell: Routinen überdenken

Warum gibt es auch bei Kindern so viele Rö-Anforderungen, die keinen Nutzen haben? Packard vermutet, dass sich einfach bislang niemand die Zeit genommen hat, geübte Praxis zu überdenken und eine Nutzenanalyse zu machen.

Jedenfalls sprechen Packard und ihre Kollegen jetzt mehr mit Kollegen aus Notaufnahme und Stationen, um die Zahl solcher schlussendlich wenig nützlichen Aufnahmen zu reduzieren.

Packard sprach ausdrücklich davon, dass die Diskussion angestoßen ist - wohl wissend, dass man einen langen Atem braucht, um eingefahrene Routinen zu überwinden.

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