Ärzte Zeitung, 19.08.2016

Fragilitätsfrakturen

Neue EULAR-Leitlinie

Multidisziplinäres Akutmanagement, Abklärung des Risikos einer erneuten Fraktur, physikalische Therapie und gegebenenfalls eine effektive Pharmakotherapie sind die Eckpfeiler in der neuen Leitlinie zu Fragilitätsfrakturen.

Von Wiebke Kathmann

LONDON. Fragilitätsfrakturen von Frauen und Männern über 50 Jahren zählen zu den häufigsten muskuloskeletalen Behandlungsanlässen, wegen denen Spezialisten aus mehr als einem Fachgebiet konsultiert werden, erläuterte Professor Willem Lems, Abteilung für Rheumatologie am Medizinischen Zentrum der Universität Amsterdam, die Hintergründe der Leitlinie zu Fragilitätsfrakturen beim diesjährigen EULAR-Kongress.

"Einzigartige Leitlinie"

Sowohl die EULAR, als auch die European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) hätten die Bedeutung einer optimalen multidisziplinären Akutversorgung von Patienten mit kürzlicher Fraktur sowie der Prävention weiterer Frakturen bei Hochrisikopatienten erkannt und daher diese Leitlinie gemeinsam auf den Weg gebracht.

"Dies ist in sofern eine einzigartige Leitlinie, als sie sowohl die Akutversorgung als auch die anschließende Frakturprävention umfasst," betonte Lems.

Generell können Frakturen von unter 50-Jährigen in der Mehrzahl der Fälle ambulant konservativ beziehungsweise operativ versorgt werden. Frakturen bei über 50-Jährigen sollten dagegen in der Mehrzahl der Fälle im Anschluss an die Akutversorgung im Rahmen eines Fracture Liaison Service versorgt werden, um weitere Frakturen effektiv vermeiden zu können.

Die Leitlinie empfiehlt, das prä- und perioperative Management von Fragilitätsfrakturen in einem multidisziplinären Kontext durchzuführen, um so ein adäquates präoperatives Assessment, eine gute Vorbereitung der Patienten (adäquate Schmerzbehandlung, ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt) und einen operativen Eingriff innerhalb von 48 Stunden gewährleisten zu können.

Gerade bei älteren Patienten mit Hüftfraktur sollte ein orthopädisch-geriatrisches Comanagement erfolgen, um das funktionelle Outcome zu verbessern und Dauer des Krankenhausaufenthaltes sowie Mortalität zu reduzieren.

Bei diesen häufig älteren und multimorbiden Patienten mit brüchigen Knochen erfordere eine adäquate Behandlung häufig ein genaues Abwägen im Hinblick auf eine operative versus nicht-operative Behandlung sowie der vielversprechendsten Fixierung. Bei allen über 50-Jährigen sollte das Risiko einer erneuten Fraktur systematisch evaluiert werden.

Frühes postoperatives Training

Die Rehabilitation nach Fragilitätsfraktur sollte aus einem frühen postoperativen körperlichen Training mit Muskelkräftigung und einem langzeitig fortgeführten Gleichgewichtstraining in Kombination mit einer multidimensionalen Sturzprävention bestehen.

Die Leitlinie rät zudem dazu, Patienten in Bezug auf Krankheitslast, Risikofaktoren für Frakturen, Kontrolluntersuchungen und Dauer der Therapie aufzuklären.

Dies sollte von einer nicht-pharmakologischen Behandlung begleitet werden, die einerseits eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D (800 IE/d) und Calcium (1000-1200 mg/d), andererseits den Rauchstopp und die Einschränkung des Alkoholkonsums umfassen sollte.

Die letzte Empfehlung gilt der pharmakologischen Therapie mit Substanzen, für die ein Effekt sowohl auf vertebrale, als auch nicht-vertebrale und Hüftfrakturen belegt ist, also Alendronat, Risedronat, Zoledronat und Denosumab. Die Therapie sollte regelmäßig auf Verträglichkeit und Adhärenz hin kontrolliert werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Bruch mit dem deutschen Verordnungssystem?

Eine Gesetzesänderung ermöglicht Ärzten seit kurzem, Cannabis zulasten der Kassen zu verschreiben. Der Patient bezieht Cannabis aus der Apotheke. Das neue Rechtskonstrukt sehen viele aber als "Systembruch". mehr »