Forschung und Praxis, 27.03.2006

Welche Patienten brauchen eine medikamentöse Frakturprophylaxe?

Frakturrisiko läßt sich mit neuer Osteoporose-Leitlinie besser beurteilen als bisher

Erstmals gibt es für ältere Patienten, also für Frauen ab der Menopause und für Männer ab 60 Jahre, eine gemeinsame Osteoporose-Leitlinie. Erstellt hat sie der Dachverband der Deutschsprachigen Osteologischen Fachgesellschaften (DVO). Damit ist es möglich, das Frakturrisiko eines Patienten jetzt genauer zu ermitteln und die medikamentöse Therapie zur Frakturprophylaxe gezielter einzusetzen.

"Aus den Ergebnissen von neuen epidemiologischen Studien mit mehr als 100 000 Teilnehmern läßt sich ableiten, daß das Risiko für osteoporotische Knochenbrüche durch die alleinige Betrachtung der Knochendichte bei jungen Menschen deutlich überschätzt und bei älteren Menschen unterschätzt wird", sagte Professor Johannes Pfeilschifter, der Koordinator der Leitlinie, zu "Forschung und Praxis".

Das sind die Indikationen für eine spezifische medikamentöse Therapie 1,2
ohne Wirbelkörperfraktur (WK) bei Lebensalter (Jahre) T-Wert: Standardabweichung von der durchschnittlichen Knochendichte eines jungen gesunden Erwachsenen; nur anwendbar auf DXA (Dual Energy X-ray Absorptiometry)-Werte
Frau
Mann
-2,0 bis -2,5
-2,5 bis -3,0
-3,0 bis -3,5
-3,5 bis -4,0
-4,0 bis -4,5
< -4,5
50-55
60-65
Nein
Nein
Nein
Nein
Nein
Ja
55-60
65-70
Nein
Nein
Nein
Nein
Ja
Ja
60-65
70-75
Nein
Nein
Nein
Ja
Ja
Ja
65-70
75-80
Nein
Nein
Ja
Ja
Ja
Ja
70-75
80-85
Nein
Ja
Ja
Ja
Ja
Ja
>75
>85
Ja
Ja
Ja
Ja
Ja
Ja
mit Wirbelkörperfraktur Ja, rasche Therapie wichtig, da hohes akutes Folgerisiko für Wirbelkörperfrakturen
  1. Bei Vorliegen eines oder mehrerer der folgenden Risikofaktoren ist eine maximal um einen T-Wert höher liegende Therapieschwelle möglich (d.h. z.B. Therapie ab einem T-Wert von max. -2,5 statt -3,5): A. periphere Fraktur, B. Schenkelhalsfraktur eines Elternteils, C. Nikotinkonsum, D. multiple Stürze, E. Immobilität
  2. In Abhängigkeit von der klinischen Gesamtsituation ist eine um max. einen T-Wert niedriger liegende Therapieschwelle möglich (d.h. z.B. Therapie ab einem T-Wert von max. -3,5 statt -2,5)
Quelle: DVO, Tabelle: Forschung und Praxis / Ärzte Zeitung
Wann eine medikamentöse Frakturprophylaxe indiziert ist, richtet sich auch nach Geschlecht und Lebensalter.

So könne eine über 75 Jahre alte Frau ohne Wirbelfraktur bei gleicher Knochendichte wie eine 50 Jahre alte Frau ein viel höheres Risiko für Frakturen haben. Die Entscheidung, ob eine Osteoporose-spezifische Therapie zur Frakturprophylaxe nötig ist, soll nicht mehr nur nach der Knochenmineraldichte, sondern auch nach Lebensalter, Geschlecht und bestimmten Risikofaktoren, etwa mehrere Stürze oder Immobilität, entschieden werden.

Eine spezifische Pharmakotherapie bei Patienten ohne Wirbelkörperfrakturen wird nur noch empfohlen, wenn das geschätzte 10-Jahresrisiko für Wirbel- und proximale Femurfrakturen unter Berücksichtigung von Lebensalter und T-Wert der Knochendichtemessung 30 Prozent überschreitet.

Herausfinden lassen sich solche Patienten mit Hilfe einer einfachen Tabelle. Danach benötigen zum Beispiel 50- bis 55 Jahre alte Frauen nur noch dann eine spezifische Therapie, wenn der T-Wert -4,5 unterschreitet. Sind sie jedoch Raucherinnen oder immobil, sollte schon ab einem Wert von -3,5 behandelt werden. Alle Patienten mit Wirbelkörperfrakturen sollen jedoch - unabhängig von Lebensalter und Geschlecht - ab einem T-Wert von -2,0 rasch medikamentös behandelt werden, da bei ihnen das Risiko für weitere Brüche hoch ist.

Bei welchen Patienten sollte nach einer Osteoporose geschaut und die Knochendichte bestimmt werden? Eine Basisdiagnostik ist etwa bei 50 bis 60 Jahre alten Frauen und bei 60 bis 70 Jahre alten Männern indiziert, wenn sie bereits Wirbel- oder periphere Frakturen nach einem Bagatelltrauma (ohne hohe Krafteinwirkung) hatten.

Bei 60 bis 70 Jahre alten Frauen und 70 bis 80 Jahre alten Männern ist eine Osteoporose-Diagnostik auch dann zu empfehlen, wenn sie Risikofaktoren haben. Bei über 70jährigen Frauen und über 80jährigen Männern sollte diese Diagnostik generell erfolgen, da sie allein aufgrund des hohen Alters ein erhöhtes Frakturrisiko haben.

Überarbeitet wurden auch die Therapieempfehlungen. So sind jetzt für Frauen außer Alendronat, Raloxifen und Risedronat auch Ibandronat, Strontiumranelat und Teriparatid (nur bei manifester Osteoporose) Medikamente der ersten Wahl. (ikr)

Die neue Leitlinie finden Sie unter: www.lutherhaus.de/osteo/leitlinien-dvo

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »