Ärzte Zeitung, 20.10.2011

Interview

Dr. Semler: "Man muss nicht unbedingt Milch trinken!"

"Love your bones" lautet das Motto des heutigen Welt-Osteoporose-Tags (20. Oktober), bei dem für einen aktiven Lebensstil und bewusste Ernährung geworben wird. Wenn es um Osteoporose-Prävention geht, sollten Ärzten ihren Patienten Freude an der Bewegung und Genuss beim Essen vermitteln, sagt Dr. Jutta Semler, erste Vorsitzende des Kuratoriums Knochengesundheit.

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Semler, Kalziumtabletten stehen nicht mehr so hoch im Kurs, wenn es um die Prophylaxe osteoporotischer Frakturen geht?

Dr. Jutta Semler

"Man muss nicht unbedingt Milch trinken!"

© privat

Berufliche Tätigkeiten: Chefärztin i.R. der Abteilung für Stoffwechselerkrankungen am Immanuel-Krankenhaus in Berlin. Schwerpunkt der Abteilung: Osteologie

Aktuelle Tätigkeiten: seit vielen Jahren Vorsitzende vom Kuratorium Knochengesundheit; medizinische Direktorin des Immanuel Women's Health Center - Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung in Berlin

Dr. Jutta Semler: Die Zufuhr soll individuell angepasst erfolgen. In einer neuseeländischen Studie hatte man bei gesunden Menschen, die Kalziumtabletten eingenommen hatten, vermehrt Herzinfarkte festgestellt.

Die Gründe dafür sind aber nicht ganz klar, der Befund könnte auch ein lokales Problem sein. Das BfArM ließ damals ungewöhnlich schnell die Botschaft verlauten: Wer Kalzium braucht, soll's auch nehmen. Laut DVO-Leitlinie sollte jeder 1000 bis maximal 1500 mg Kalzium täglich aufnehmen. Es gibt jedoch Menschen, die das nicht über die Nahrung schaffen. Die brauchen dann Kalziumtabletten.

Ärzte Zeitung: Wie kommt man auf täglich 1000 mg Kalzium?

Semler: So schwer ist das nicht. Die meisten Leute haben nur im Kopf: Ich muss Milch trinken und Käse essen. Den Kalziumbedarf kann ich aber noch ganz anders decken, etwa mit grünem Gemüse und Kräutern.

Mit einem Salat, etwas Joghurt-Dressing und Kräutern oben drauf habe ich bereits ein Drittel meines Tagesbedarfs an Kalzium gedeckt. Wenn mir meine Patienten sagen, dass sie viel Gemüse essen und sich vielleicht noch kalziumreiches Wasser kaufen, müssen sie nicht unbedingt noch Käse haben.

Man kann auch sagen: "Kaufen Sie sich doch einmal pro Woche einen schönen Emmentaler und trinken Sie ein Glas Rotwein dazu." Das zaubert oft ein Lächeln ins Gesicht - nichts ist schädlicher, als von "Diät" zu reden.

Ärzte Zeitung: Ein Zuviel an Kalzium ist gerade für ältere Menschen aber auch nicht gut...

Semler: Wenn Kalzium-Tabletten empfohlen, aber nicht verordnet werden, kaufen sich die Leute oft zuviel. Manche essen normal, trinken einen Liter Milch täglich und nehmen noch zusätzlich Kalzium-Tabletten.

Zuviel Kalzium bedeutet zudem eine verminderte Phosphat-Aufnahme im Darm, und Phosphat-Mangel schwächt die Muskulatur. Außerdem macht viel Kalzium den Stuhlgang fester. Ich sage meinen Patienten: "Haben Sie ruhig ein paar Kalziumtabletten zu Hause. Und wenn Sie tagsüber keine kalziumreiche Nahrung zu sich genommen haben, dann nehmen Sie abends mal eine Tablette."

Die mit Vitamin D kombinierten Kalzium-Präparate enthalten übrigens beides leider oft in einem Dosis-Missverhältnis, etwa mit 600 bis 1000 mg Kalzium, aber nur 400 Einheiten Vitamin D, obwohl wir mehr Vitamin D brauchen.

Osteoporose-Prävention - "Man muss nicht unbedingt Milch trinken!"

Grünes enthält viel Kalzium.

© Jolanta Dabrowska / photos.com

Ärzte Zeitung: Wie kann der Hausarzt denn feststellen, ob sein Patient ausreichend Kalzium aufnimmt?

Semler: Ich frage: "Wie kochen Sie denn zu Hause?" Typische Antwort: "Ganz normal." Und dann kommt hinterher: "Na ja, ich geh auch mal an der Ecke eine Bratwurst essen." Meine nächste Frage lautet: "Essen Sie Obst und Gemüse?" Milchprodukte frage ich erst als Zweites ab, denn dann kommt häufig die Antwort, Milch werde nicht vertragen.

Wer viel Obst und grünes Gemüse isst, muss nicht unbedingt Milch trinken. Übrigens sind manche stolz auf ihren reichlichen Quarkgenuss - Quark enthält aber relativ wenig Kalzium.

Wir haben beim Kuratorium Knochengesundheit (www.osteoporose.org) den übersichtlichen Ernährungsflyer "Bone Appetit!" herausgegeben, der einen guten Überblick zu der Thematik bietet und Ideen liefert, was man denn noch essen könnte, um seinen Bedarf zu decken.

Ärzte Zeitung: Zur Osteoporose-Prävention gehören Bewegung, Licht und Vitamin D. Müssen Büroangestellte täglich Vitamin-D-Supplemente essen und regelmäßig ins Sonnenstudio gehen?

"Man muss nicht unbedingt Milch trinken!"

Kalziumreiches Mineralwasser optimiert Knochenschutz.

© G. Sanders / fotolia.com

Semler: Ausreichend Vitamin D zu mir zu nehmen schaffe ich niemals über die Nahrung. Wer isst schon täglich Fisch? Vitamin D muss ich tatsächlich zuführen, und zwar deutlich mehr, als wir früher angenommen haben.

Wir empfehlen 800 bis 2000 Einheiten täglich. Vielleicht brauchen wir sogar mehr. Ich habe bei meinen über 60-jährigen Patienten zu 82 Prozent einen Vitamin-D-Mangel im Winter festgestellt, 48 Prozent haben auch einen Vitamin-D-Mangel im Sommer.

Die Problematik scheint sogar zuzunehmen, ohne dass wir dies genau erklären können. Wir wissen, dass Altershaut vergleichsweise weniger UV-B-Licht aufnimmt. Sonnencremes mit hohen Lichtschutzfaktoren verhindern ebenfalls, dass UV-B-Licht eindringt.

Und die Bevölkerung bewegt sich insgesamt immer weniger im Freien. Wir müssen also den Vitamin-D-Mangel sehr ernst nehmen. Es muss mindestens eine Blutkonzentration von 70 nmol/l (27 bis 40 ng/ml) vorliegen. Wenn eine Erkrankung der Nebenschilddrüse mit Hyperkalziämie vorliegt, darf natürlich kein Vitamin D verabreicht werden.

Ärzte Zeitung: Wenig gesprochen wird auch über die Bedeutung einer ausreichenden Proteinzufuhr. Die rein pflanzliche Ernährung erscheint immer mehr Menschen gesünder als Fleisch und Wurst...

Semler: Hauptproblem sind die Veganer, die jegliches tierische Eiweiß ablehnen. Das wenige pflanzliche Eiweiß reicht jedoch nicht aus, weshalb diese Menschen wegen der Auswirkungen auf die Muskulatur zur Gruppe der Osteoporose-gefährdeten Menschen zählen.

Diese Menschen wird man leider kaum umstimmen können. Zuviel tierisches Eiweiß ist aber auch nicht gut, wir brauchen eine eher basische Kost, denn dann geht weniger Kalzium über die Niere verloren.

Ärzte Zeitung: Eines der Hauptprobleme für viele Menschen ist es, sich regelmäßig zu bewegen. Wie kann man die Schwelle von der verbreiteten Bewegungsarmut hin zu mehr körperlicher Aktivität überwinden?

Semler: Das ist sehr schwierig. Fernsehen ist meist ein Bewegungskiller, einige meiner Patienten machen aber die Bewegungsprogramme etwa im Bayrischen Fernsehen mit.

Wichtig ist es zu versuchen, Bewegung in den Alltag einzubauen, sei es auf dem Weg zur Arbeit, Lifte und Rolltreppen meiden, statt dessen die Treppe nehmen und mit Bewegungsübungen in der Pause mit Anspannung der Muskulatur und Entspannung.

Mancher kauft sich einen Hund, um regelmäßig raus zu kommen, andere arbeiten im Garten. Ich empfehle gerne Tanzen und Bewegung gemeinsam mit Freunden und Bekannten. Interessanterweise kaufen sich auch Ältere ab und zu ein Trampolin, nicht unbedingt um zu hüpfen, sondern um darauf zu laufen.

Beim Kuratorium Knochengesundheit haben wir unter anderem Handkarten mit genauen Beschreibungen für günstige Übungen entwickelt, das "Bewegungsquartett" unter dem Motto "Schritt für Schritt knochenfit".

Mit jeder Ausgabe unserer Zeitschrift "Mobiles Leben" wird die Kartensammlung ergänzt. Vor allen Dingen muss man den Leuten die Angst nehmen, sie müssten nun alles auf einmal machen. Letztlich soll es Spaß und Freude bereiten.

Das Interview führte Thomas Meißner

Lesen Sie dazu auch:
Osteoporose-Prävention - "Man muss nicht unbedingt Milch trinken!"
Programme fehlen zu mehr Bewegung für Jung und Alt
Basisinformationen zu Labortests bei Osteoporose

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

"Digitalisierung lässt sich nicht klein hoffen"

Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten, die Ärzte sollten sich daher aktiv daran beteiligen, appellierte der Blogger Sascha Lobo auf dem Ärztetag. mehr »

Alle wichtigen Videos vom Ärztetag

Digitalisierung, Angst vor Veränderung, Wunschminister: Die Ärztezeitung fasst für Sie die wichtigen Themen des Ärztetags in kurzen Videos zusammen. mehr »

Massive Technik-Pannen behindern Ärztetag

Nicht einsehbare Anträge, verschobene Abstimmungen: Technische Probleme machen Delegierten und Journalisten gestern unmd heute auf dem Ärztetag arg zu schaffen. mehr »