Ärzte Zeitung online, 07.11.2013

Osteoporose

Vitamin D stärkt gesunde Knochen nicht

Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel erhöht das Risiko für Knochenbrüche - das ist bekannt. Lässt sich im Umkehrschluss die Knochendichte steigern, wenn man zusätzlich Vitamin D einnimmt? Nein, haben jetzt neuseeländische Forscher herausgefunden.

Von Elke Oberhofer

Vitamin D stärkt gesunde Knochen nicht

Die Autoren der Studie raten von der generellen Supplementation von Vitamin D bei gesunden Erwachsenen ab.

© photos.com

AUCKLAND. Niedrige Vitamin-D-Spiegel stehen nachgewiesenermaßen in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Frakturen und Stürze. Präventiv rät man daher vor allem Senioren über 60, auf eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung zu achten.

Als Zielwert gilt eine 25-Hydroxy-Vitamin-D-(OHD)-Konzentration im Serum von 75 nmol/l (30 ng/ml) - ein Wert, der nach Schätzungen von bis zu 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Europa nicht erreicht wird.

Ob eine Vitamin-D-Supplementation für sich genommen das Frakturrisiko nennenswert beeinflussen kann, ist allerdings nach wie vor umstritten.

23 Studien mit 4000 Teilnehmern ausgewertet

Gegen den breiten Einsatz von Vitamin-D-Präparaten zur Osteoporose-Prävention in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung haben sich nun die Autoren einer Metaanalyse ausgesprochen (Lancet 2013, online 11. Oktober).

Wie die Neuseeländer um Ian R. Reid von der Universität Auckland berichten, sind die Ergebnisse aus 23 Studien mit über 4000 Teilnehmern, davon 92 Prozent Frauen, in der Summe enttäuschend: In nur fünf Studien zeigte sich ein Nutzen einer im Schnitt zweijährigen Vitamin-D-Supplementation im Hinblick auf die Knochendichte; das Signifikanzniveau wurde dabei nur knapp überschritten.

In vier dieser Studien beschränkte sich der Effekt auf eine Stelle, nämlich den Oberschenkelhals: Hier stieg die Knochendichte unabhängig von einer zusätzlichen Kalziumzufuhr im Schnitt um 0,8 Prozent.

An sämtlichen anderen in den Studien verwendeten Messpunkten - Hüfte gesamt, Trochanter, Lendenwirbelsäule, Radius - blieb die Supplementierung ohne nennenswerten Effekt. Zwei Studien hatten gar einen negativen Effekt im Ganzkörperscan gezeigt.

Trotz starkem Anstieg der Serumwerte oft kein Effekt

Die Teilnehmerinnen waren im Schnitt 59 Jahre alt. Bei der überwiegenden Zahl gehen die Autoren von einer ausreichenden Kalziumzufuhr über die Ernährung aus.

Der Ausgangswert für den 25-OHD-Serumspiegel war in vielen Fällen relativ niedrig, gerade in Studien, die einen positiven Effekt der Supplementation nachgewiesen hatten (26 bzw. 29 bzw. 36 nmol/l).

Insgesamt lag die Serumkonzentration zu Beginn in acht Studien unter 50 nmol/l. In der Hälfte dieser Studien ergab sich kein positiver Effekt einer Supplementation, obwohl die Serumwerte insgesamt von 53 auf 92 nmol/l stiegen.

Gut die Hälfte der Teilnehmer (n = 2294) hatte Vitamin-D-Dosen von weniger als 800 IE pro Tag erhalten. In drei der positiven Studien waren Dosen von 400 IE eingesetzt worden. Höhere Dosierungen blieben meist ohne Effekt.

Die Autoren sehen denn auch keine Grundlage für die in den letzten Jahren vielfach propagierte Hochdosistherapie mit 1000 IE pro Tag. Im Gegenteil: Vergleichsstudien hätten eher einen Vorteil für niedrigere Dosierungen gezeigt.

Vitamin-D-Effekt nur im Zusammenhang mit Kalziumaufnahme

Die Vitamin-D-Supplementation zur Osteoporose-Prophylaxe sollte Patienten mit erhöhtem Risiko für einen Vitamin-D-Mangel vorbehalten bleiben, fordern die Experten.

Gesunde Erwachsene mit ausgeglichenem Kalziumhaushalt, so die Quintessenz, benötigen diese Maßnahme nicht, um ihr Osteoporoserisiko zu senken.

Darüber, ob man über den Parameter der Knochendichte das Risiko osteoporotischer Frakturen bestimmen kann, ist man sich in der Fachwelt nicht einig. Allerdings haben zwei weitere Metaanalysen kürzlich ebenfalls gezeigt, dass Vitamin D nicht vor Frakturen schützt.

Wie der Osteoporoseexperte Clifford Rosen vom Maine Medical Research Institute in Scarborough (USA) in einem Kommentar betont, lässt sich der Effekt von Vitamin D nur in Zusammenhang mit der Kalziumaufnahme sehen.

In der Metaanalyse waren nur in der Hälfte der Studien sowohl Vitamin-D- als auch Kalziumpräparate eingenommen worden.

Andere Studien, in denen der Effekt von beiden Supplementen gemessen wurde, hätten dagegen eine deutliche Reduktion der Hüftfrakturrate um 11 Prozent ergeben, trotz nur minimaler Verbesserung der Knochendichte.

Die aktuelle Leitlinie des Dachverbands Osteologie empfiehlt als Optimum für die Knochengesundheit die Zufuhr von 1000 mg Kalzium über die Nahrung (mehr kann dem Herzen schaden) sowie bei nicht ausreichender Sonnenlichtexposition (unter 30 min. täglich) eine Vitamin-D-Zufuhr von 800 bis 2000 IE pro Tag.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Vitamin D ist kein Doping für die Knochen

[07.11.2013, 12:11:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wo bleiben Metaanalysen über Sinn und Unsinn von Metaanalysen?
Leider gibt es noch keine Metaanalyse über Krankheitsfolgen von wiederholtem Kopfschütteln beim Lesen unsinniger und überflüssiger Metaanalysen im Sinne von "repetetive strain injury" oder gar HWS-Schleudertraumata.

Die hier vorliegende Lancet-Publikation lässt sich leitmotivisch auf einen einzigen Grundsatz eindampfen: Den der wissenschafts- und erkenntnistheroretischen B e l i e b i g k e i t ! Man nehme eine beliebige Anzahl von Publikationen aus frei verfügbaren Datenbanken ["Science, Embase, and the Cochrane Database"], destilliere aus 3.930 Literaturstellen ganze 23 Studien ["3930 citations identified by the search strategy, 23 studies..."], mische die Messpunkte zur Detektion einer Osteoporose vom Oberschenkelhals über die gesamte Hüfte, Trochanter, Lendenwirbelsäule und Radius nach Belieben oder verwende einen zur Osteoporose-Diagnostik völlig untauglichen Ganzkörperscan ["lumbar spine, femoral neck, total hip, trochanter, total body, or forearm"]. Dann ergehe man sich in vagen Andeutungen über die Höhe der möglichen Vitamin-D-Dosierung ["vitamin D doses less than 800 IU per day"] und den daraus folgenden, nicht vorhandenen Auswirkungen auf den völlig gesunden Knochen.

Die primär ungeschädigte Knochensubstanz wird völlig überraschend durch die Extra-Zufuhr von Vitamin D doch keineswegs gesünder(er) als gesund? ["Interpretation - Continuing widespread use of vitamin D for osteoporosis prevention in community-dwelling adults without specific risk factors for vitamin D deficiency seems to be inappropriate."].

Verehrte Leserinnen und Leser, hoffentlich fällt Ihnen auf, dass die Autoren hier n i c h t wie sonst in wissenschaftlichen Publikationen üblich von Schlussfolgerung ("Conclusion"), sondern lediglich von "Interpretation" bzw. von "scheinbar unangemessen" sprechen. Das lässt m. E. nur den Schluss zu, dass dümmliche Studien durch dumme Interpretationen nicht klüger werden. Höchstens unklüger!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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