Ärzte Zeitung, 23.10.2015

Knochendichte

Mehr Kalzium bringt fast nichts

Eine erhöhte Kalziumaufnahme erhöht die Knochendichte und senkt das Risiko für Frakturen? Von wegen, melden Forscher aus Neuseeland jetzt. Damit widersprechen sie herkömmlichen Empfehlungen.

Von Robert Bublak

AUCKLAND. Nationale und internationale Gremien empfehlen älteren Menschen - also Männern ab 50 oder 60 Jahren und Frauen nach der Menopause -, sich täglich 1000-1200 mg Kalzium zur Osteoporoseprophylaxe zuzuführen.

Um über diese Schwelle zu kommen, greifen viele Menschen auf Präparate zur Nahrungsergänzung zurück, die der Handel in großer Auswahl vorhält. In Deutschland erreicht die Kalziumaufnahme von Männern und Frauen laut Daten der Nationalen Verzehrstudie II im Median 1052 mg beziehungsweise 964 mg pro Tag.

Keine Effekte auf Knochengesundheit

Nimmt man die Ergebnisse zweier Übersichtsarbeiten, die Mark Bolland von der Universität Auckland in Neuseeland mitverantwortet hat, zum Maßstab, haben weder die Supplementation noch die gesteigerte Zufuhr von Kalzium über die Nahrung einen wesentlichen Effekt auf die Knochengesundheit.

In 59 randomisierten und kontrollierten Studien mit Probanden jenseits der 50 zum Einfluss der Kalziumaufnahme auf die Knochendichte waren Zuwächse der Knochendichte um 0,6-1,8 Prozent gemessen worden. Dass diese Größenordnung klinisch bedeutsam sein könnte, bezweifeln Bolland und seine Mitarbeiter. Übrigens war die Wirkung nicht besser, wenn die Kalziumgabe um Vitamin D ergänzt wurde (BMJ 2015; 351: h4183).

Die zweite der beiden Arbeiten unter Bollands Führung bestätigt dies. Hier befassten sich die Forscher mit dem Zusammenhang zwischen Kalziumzufuhr und Frakturrisiko. Dazu verschafften sie sich einen Überblick über zwei randomisierte und kontrollierte sowie 44 Kohortenstudien zu Kalzium aus natürlichen Quellen.

Hinzu kamen 26 randomisierte und kontrollierte Untersuchungen zu Supplementen. Die Auswirkungen auf das Frakturrisiko waren praktisch gleich null, und wiederum spielte es keine Rolle, ob das Kalzium um Vitamin D ergänzt war oder nicht.

Nur eine Ausnahme

Eine Ausnahme bildete eine französische Studie (N Engl J Med 1992; 327: 1637). Eine Gruppe von 3270 Frauen hatte hier 18 Monate lang 1200 mg Kalzium plus 800 IU Vitamin D3 erhalten. Im Vergleich zur Placebogruppe sank das Risiko von Hüftfrakturen um 43 Prozent und die Gesamtzahl nicht vertebraler Frakturen um 32 Prozent.

Bei den Frauen handelte es sich allesamt um Bewohnerinnen von Pflege- oder Seniorenheimen mit einer ursprünglichen Kalziumzufuhr von wenig mehr als 500 mg. Im Mittel waren die Frauen 84 Jahre alt.

Bollands und seiner Kollegen Fazit lautet: "Den meisten Menschen, die um ihre Knochendichte besorgt sind, nützt es nichts, die Kalziumzufuhr zu erhöhen." Wo die Zufuhr aber deutlich unter den Empfehlungen blieb, etwa bei den Pflegeheimbewohnerinnen, reduzierte die gesteigerte Kalziumzufuhr das Frakturrisiko. Das räumen auch die Forscher ein.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Keine voreiligen Schlüsse!

|
[25.10.2015, 18:50:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wer kennt nicht Calcium-SANDOZ® und seine schier unhaltbaren Werbeversprechen?
Dieses Calcium-D-gluconat begleitete jahrzehntelang den 2. Weltkrieg, die Hungerjahre, den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder und die Entwicklung von der Industrie- bzw. Produktionsgesellschaft zum modernen post-industriellen Dienstleistungs-Zeitalter.

Mein Kollege, der ausgewiesene internistische Osteologe (DVO) Prof. Dr. med. Johannes Pfeilschifter, bringt es allgemein verständlich auf den Punkt: "ein Mann oder eine Frau, die weniger als 500 Milligramm Calcium zu sich nehmen würden, haben ein höheres Bruchrisiko. Wie kann ich das vermeiden? Durch Zufuhr von Calciumprodukten mit der Nahrung. Da kann ich als Faustregel die so genannte 300-er-Regel anwenden: Eine Scheibe Käse hat 300 Milligramm Calcium, ein Glas Milch hat 300 Gramm Calcium, zwei Joghurts haben etwa 300 Milligramm Calcium. So kann man sich ungefähr ausrechnen, wie viel Calcium ich mit der Nahrung zuführe und viele Männer und Frauen trinken auch calciumreiches Mineralwasser, dass auch eine wertvolle Calciumquelle ist.
http://www.frag-den-professor.de/transcript/mitschrift-32/

Die Firma Novartis® (1996 fusionierte Sandoz® mit Ciba®-Geigy® zu Novartis) mit ihrer Generika-Linie und HEXAL® als Vertrieb für Calcium-Sandoz® Forte 500 mg, Brausetabletten, Calcium-Sandoz® Fortissimum 1000 mg, Brausetabletten schreibt mit Stand März 2015 immer noch irreführend: "Wirkstoffe: Calcium (als Calcium-D-gluconat – Calciumlactat (2:3) 2 H2O, Calciumcarbonat). Anwendungsgebiete: Vorbeugung und Behandlung eines Calciummangels, Unterstützung einer speziellen Therapie zur Vorbeugung und Behandlung einer Osteoporose (Knochenschwund), zusätzlich zu Vitamin D3 zur Behandlung der Rachitis (Erweichung des im Wachstum befindlichen Knochens bei Kindern) und Osteomalazie (Erweichung von Knochen bei Erwachsenen). Enthält Natriumverbindungen; Zusätzl. für -500 mg: Sorbitol, Glucose. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!" http://www.calcium-sandoz.de/

Historisch gesehen, produzierte die Aktiengesellschaft Chemische Fabrik vormals Sandoz seit 1895 das fiebersenkende Mittel Phenazon (Antipyrin®), das von der Deutschen Firma Hoechst® 1896 zum dreifach wirksameren Aminophenazon (Pyramidon) weiterentwickelt wurde (jetziges Metamizol = Novalgin®). Zwischen den Weltkriegen wurden dann von der SANDOZ-AG Gynergen® (1921) und Calcium-Sandoz® (1929) auf den Markt gebracht.

Dafür, wie man mit einem eigentlich wertlosen Calcium-Präparat (Milch-Allergiker, Laktose-Intolerante und Käse-Feinde mögen mir verzeihen) zu Einfluss, Ansehen, Ruhm, Reichtum und Macht kommen kann, gibt es übrigens ein vor-mittelalterliches Beispiel: Salzburg hatte es mit einem gewaltigen Intrigen-, Werbe- und Eroberungsfeldzug geschafft, sogar den Ostfriesen, die das Jod-haltige Nordsee-Meersalz sozusagen vor der Haustüre hatten, z. T. mit Gewalt einzutrichtern, dass sie gefälligst das extrem teure, Jod-freie Steinsalz aus dem Salzbergwerken um Salzburg herum zu kaufen hätten. So kam die in Austria allgegenwärtige, endemische Struma ("Kropf") nicht nur zu den Ostfriesen, sondern wurde in alle Welt exportiert. Das bayrische "Bad Reichenhaller Spezialsalz" hatte dann ebenfalls absolut jodfrei zur Struma-Verbreitung beigetragen (heute natürlich mit Jodzusatz!).

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[23.10.2015, 13:21:20]
Uta Krugmann 
französische Studie
Hallo miteinander,
kann man aus der o.g. Studie schließen, daß Kalzium und Vitamin D3 die "alten" Knochen frakturresistenter machen?
Oder zeigt es, daß Senioren im fortgeschrittenen Alter durch die Supplementierung insgesamt fitter und somit weniger sturzgefährdet sind?
Ich denke bei Kazium z.B. an die Schilddrüse und ihren weitreichenden Einfluß auf unseren Organismus bis hin zur Motorik.
Um folgern zu können, was die Messung wirklich aussagt, bräuchte man m.E. noch den Vergleich der Stürze mit Frakurfolge und der Stürze ohne.
Grüßle










 zum Beitrag »
[23.10.2015, 11:18:28]
Maren Reed 
Vitamin D
Es wurden offenbar max. 800 IE Vitamin D ergänzt, richtig? Wurde vorher kontrolliert, wie der Vitamin D Spiegel der TN ist? Dass selbst bei guten Blutwertenerten > 30 ng gerade im Winter 800 IE am Tag nicht ausreichend sind, zeigen immer mehr Untersuchungen.

http://www.netzwerk-frauengesundheit.com/sonne-satt-und-doch-vitamin-d-mangel-interview-mit-prof-spitz/


 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Unterquoten bei Internisten denkbar

GBA-Chef Hecken hat im Interview mit der "Ärzte Zeitung" erste Neuerungen in der künftigen Bedarfsplanung verraten. Auch spricht er darüber, wie Ärzte über die Wirtschaftlichkeit einer Verordnung informiert werden sollen. mehr »

Kinder als Schutzfaktor gegen Stress

Kinder halten gesund - das legt der aktuelle TK- Gesundheitsreport nahe. Dennoch nehmen psychische Erkrankungen bei den 30- bis 44-Jährigen zu. mehr »

Blutzuckersenker mit eingebautem Herzschutz

Neue Antidiabetika sorgen für Furore, weil sie neben Blutzucker auch das Herztodrisiko senken. Sind sie eigentlich noch als Antidiabetika zu bezeichnen oder sind es nicht eher Herzmedikamente mit Blutzuckersenkung als erfreulichem Begleiteffekt? mehr »