Ärzte Zeitung, 14.01.2010

Rheuma plus Fibromyalgie - Komorbidität gibt Rätsel auf

Das Fibromyalgie-Syndrom kommt überzufällig häufig mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen vor. Das kann Diagnose und Therapie erschweren.

Von Wiebke Kathmann

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Schmerzen an Gelenken und auch Muskeln sind nur eines der Symptome eines Fibromyalgie-Syndroms. © sebastian kaulitzki / fotolia.com

KÖLN. Auf Zusammenhänge zwischen Fibromyalgie-Syndrom (FMS) und Rheuma wies Dr. Wolfgang Brückle von der Rheumaklinik in Bad Nenndorf beim Rheuma-Kongress in Köln hin. Daten aus der wissenschaftlichen Literatur belegen eine Komorbidität des FMS besonders mit der Rheumatoiden Arthritis (RA), dem systemischen Lupus erythematodes (SLE) und dem primären Sjögren-Syndrom, seltener mit Spondylarthritiden.

Die Prävalenz des FMS beträgt bei RA-Patienten etwa sechs Prozent, in der Allgemeinbevölkerung drei Prozent. Bei RA-Patienten in der Klinik kann sie sogar bei 15 Prozent liegen, wobei bisher nicht klar belegt ist, ob es einen Zusammenhang mit der Krankheitsaktivität gibt. Die klinische Erfahrung scheint dafür zu sprechen.

Mit Blick auf potenzielle Fehldiagnosen wies Brückle darauf hin, dass gerade bei älteren Menschen, die erhöhte antinukleäre Antikörper (ANA) aufweisen und Rheumafaktor-positiv sind, die Triggerpunkt-Symptomatik fälschlich zur Diagnose einer entzündlich rheumatischen Erkrankung führen könne. Eine Spondylarthropathie könne vorgetäuscht werden, wenn eine Tendopathie im Kontext eines positiven Nachweises des Gewebsantigens HLA-B 27 als Enthesopathie eingestuft würde.

Für gravierender hält Brückle aber die Auswirkungen der Komorbidität des Fibromyalgie-Snydroms mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen auf die Therapie. Es bestehe die Gefahr, wegen der zu hoch eingestuften Krankheitsaktivität (etwa im DAS 28* oder BASDAI**) inadäquate Therapien einzuleiten. Das führe nicht nur zu unnötigen Kosten für das Gesundheitssystem, sondern gefährde die Patienten durch ein höheres Risiko von Nebenwirkungen.

Grund für die Fehleinschätzung ist laut Brückle der in den Scores enthaltene hohe Anteil an subjektiven Schmerz-korrelierten Variablen. Die Schwellenwerte können dadurch signifikant erhöht sein, wie eine Studie von Coury F. et al. (J Rheumatol 36, 2009, 58) zeigen konnte. Gegenüber reinen RA-Patienten wiesen jene mit RA-FMS-Komorbidität signifikant schlechtere Werte für druckschmerzhafte Gelenke, Morgensteifigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung auf. Für die Parameter geschwollene Gelenke - gerade diffuse Schwellungen der Fußgelenke sind seiner Erfahrung nach bei FMS-Patienten recht häufig - und CRP ergab sich ein Trend zu ungünstigeren Werten.

Generell ist als Schutz vor einer Überbewertung der Krankheitsaktivität bei RA plus FMS Erfahrung mit dem FMS erforderlich. Konkret riet Brückle dazu, den Patienten selbst klinisch intensiv zu untersuchen. Wenn erforderlich, sollten zusätzlich Doppler-Sono und MRT gemacht werden, um die Frage einer Synovialitis als Schmerzursache klären zu können.

Ein Hinweis auf eine Überbewertung könne ein inadäquates Ansprechen auf die medikamentöse Therapie, insbesondere auf Biologika sein. In diesen Fällen sollte nach der Schmerzkomponente gesucht und der Schwerpunkt der Behandlung auf das FMS statt der entzündlichen Komponente gelegt werden.
*DAS 28: Disease Activity Score 28 zur Aktivitätsbestimmung bei RA
**BASDAI: Bath Ankylosing Spondylitis Activity Score zur Aktivitätsbestimmung bei Spondylarthritiden

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