Direkt zum Inhaltsbereich

So bremsen Biologicals Autoimmunreaktionen

Wie Grundlagenforschung schnell in neue Therapien mündet, zeigt sich bei entzündlichen Autoimmunerkrankungen. Eine ganze Batterie von Biologicals steht bereit. Meist sind es monoklonale Antikörper.

Von Michael Hubert Veröffentlicht:
Wie steht’s um die Gelenke? Die Palpation gibt Aufschluss.

Wie steht’s um die Gelenke? Die Palpation gibt Aufschluss.

© Wyeth Pharma

Diese Biologicals binden an Entzündungsbotenstoffe und hemmen so die Autoimmunreaktion. Oder sie setzen unmittelbar an den Zellen des Immunsystems an. Die Fortschritte durch diese immunologischen Therapieansätze werden besonders in der Rheumatologie deutlich. Startschuss der Entwicklung waren die TNF-Hemmer.

Erstes Biological gegen Rheuma: TNFa-Blocker

Das Zytokin TNFa (Tumor-Nekrose-Faktor alpha) ist eine Schlüsselsubstanz in der Entzündungskaskade bei Rheumatoider Arthritis (RA). TNFa ist ein multifunktionales Zytokin. Es regelt die Aktivität mehrerer Immunzellen, es greift in Zellteilung und Zelldifferenzierung ein. Bei RA fördert TNFa die Entzündung in der Synovia und führt so - ohne Therapie - zur irreversiblen Zerstörung der Gelenke, den früher typischen Rheumahänden. TNFa verursacht zusätzlich einen systemischen Entzündungsprozess, von dem auch das Endothel betroffen ist. Deshalb haben RA-Patienten ein genauso hohes kardiovaskuläres Risiko wie Diabetiker.

Das erste Mal bei einem Patienten mit RA wurden TNFa-Hemmer 1994 eingesetzt. Schon innerhalb von zwei Wochen nach Gabe von Infliximab war ein dramatischer Rückgang der Krankheitsaktivität eingetreten. Die Bedeutung von TNFa verdeutlicht auch die Zahl an wissenschaftlichen Publikationen dazu. Seit Entdeckung des Moleküls 1968 und der Entschlüsselung seiner Funktion 1975 ist die Forschung förmlich explodiert. Mittlerweile gibt es weit über 90 000 Veröffentlichungen hierzu.

Fünf gegen TNFa gerichtete Arzneien sind in Deutschland auf dem Markt: drei monokonale Antikörper - Adalimumab (Humira®), Golimumab (Simponi®) und Infliximab (Remicade®) -, ein rekombinanter TNFa-Rezeptor (Etanercept, Enbrel®) und ein pegyliertes Antikörperfragment (Certolizumab Pegol, Cimzia®). Sie sind zugelassen zur Therapie von Patienten mit RA, ankylosierender Spondylitis (M. Bechterew) und PsoriasisArthritis, Certolizumab Pegol nur bei RA. In der Regel erfolgt die Therapie in Kombination mit Methotrexat.

Biologicals attackieren auch direkt die Immunzellen

Biologicals - oder Biologika - sind jedoch nicht nur gegen TNFa gerichtet. Biologicals nehmen auch Interleukine und direkt die Zellen des Immunsystems ins Visier. Ursprünglich aus der Krebstherapie stammt der Antikörper Rituximab (MabThera®), der dort bei Non-Hodgkin-Lymphomen eingesetzt wird. Rituximab greift in die Entzündungskaskade ein, indem es an eine bestimmte Oberflächenstruktur von B-Lymphozyten (CD20) bindet, was zur Entfernung von B-Zellen aus dem Blutkreislauf führt. Damit werden vier Schlüsselfunktionen der B-Zellen gehemmt: die Ausschüttung von Zytokinen, die Präsentation von Antigenen, die T-Zell-Aktivierung und die Produktion von Auto-Antikörpern (Rheumafaktoren). Damit wird letztlich auch die der RA zugrunde liegende Autoimmunreaktion unterbunden - die Krankheitsaktivität nimmt ab, bis hin zur Remission (extracta orthopaedica 2009; 6: 7).

An einer anderen Gruppe von Immunzellen, den T-Zellen, setzt der selektive Co-Stimulations-Blocker Abatacept (Orencia®) an. Abatacept verhindert die Bindung eines Moleküls auf der T-Zell-Oberfläche an seinen Rezeptor auf der antigenpräsentierenden Zelle. Dadurch wird die Stimulation der T-Zelle blockiert, sie produziert keine Zytokine und sie teilt sich nicht. Weitere Therapieoptionen bei RA sind der Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist Anakinra (Kineret®) und der Interleukin-6-Rezeptor-Blocker Tocilizumab (RoACTEMRA®).

Alle genannten Biologicals werden infundiert oder s.c. injiziert. Für die Zukunft wird die Palette an Arzneimitteln nicht nur immer breiter, Forscher hoffen auch auf eine zunehmend individualisierte Therapie. Erste Ansätze zur Vorhersage des Therapieerfolgs gibt es bereits, diese sind über das reine Forschungsstadium bisher jedoch nicht hinausgekommen.

Immunsuppression ist eine Indikation für Impfungen

Da unter immunsupprimierender Therapie mit einem erhöhten Infektionsrisiko zu rechnen ist, sollten diese Patienten einen Impfschutz entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) erhalten. Besonders geraten wird zur Influenza- und Pneumokokken-Impfung. Grundsätzlich können Rheuma-Patienten mit allen Totimpfstoffen geimpft werden. Lebendimpfstoffe sind bei immunsuppressiver Therapie allerdings kontraindiziert. Ein eventuell leicht verminderter Impferfolg spricht nicht gegen die Impfung. Daten belegen: Auch unter Therapie mit Methotrexat oder TNFa-Blockern ist mit ausreichendem Impfschutz zu rechnen. Bei starken Eingriffen in das Immunsystem - wie durch die Entfernung der B-Lymphozyten - sollte vor den Therapiezyklen geimpft werden.

Lesen Sie auch: Biologicals machen wieder fit für den Job Raucher sprechen weniger auf eine Therapie mit TNFa-Blockern an Rheumatiker auch zum Zahnarzt überweisen!

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Entzündungsgrad und Rezidivrisiko

Riesenzellarteriitis abklären mit Ultraschall und OGUS

Rotatorenmanschetten-Anomalien

MRT-Befunde wohl nicht mit chronischen Schultersymptomen assoziiert

Das könnte Sie auch interessieren
Wie Haus- und Fachärzte gemeinsam Impflücken schließen

© Vladimir Vladimirov | iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)

Round-Table-Gespräch

Wie Haus- und Fachärzte gemeinsam Impflücken schließen

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Die häufigsten Praxisfragen zur Influenzaimpfung

© Aitor Diago | Getty Images

Wer, wann, womit?

Die häufigsten Praxisfragen zur Influenzaimpfung

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Hohe Verantwortung, moderate Impfquote

© FatCamera | Getty Images (Symbolbild mit Fotomodellen)

Impfstatus Klinikpersonal

Hohe Verantwortung, moderate Impfquote

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

© AndreasReh, Ljupco, tinydevil, shapecharge | istock

rHWI

Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

© Dr_Microbe | Adobe Stock

In vitro-Studien

Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: WAYPOINT-Studie: schnelle und signifikante Reduktion des SNOT-22-Scores über 52 Wochen

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [6]

Schwere, unkontrollierte CRSwNP

Wirkansatz an epithelialen Alarminen

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Abb. 1: Signalkaskade der kardiovaskulären Inflammation

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [9]

Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt

Therapie der kardiovaskulären Inflammation senkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APONTIS PHARMA Deutschland GmbH & Co. KG

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Tipps

Sommerhitze: Das ist wichtig bei älteren Patienten

Deutsche Gesellschaft für Nephrologie

Post-COVID-Syndrom: Blutwäsche in Studie ohne Nutzen für Betroffene?

Lesetipps
Es muss nicht immer die ganze Packung sein. Bei Abklingen der Symptome reicht oft eine kürzere Dauer der Antibiotikatherapie.

© umang / stock.adobe.com

Kürzer ist oft besser

Wann ein Antibiotikum früher abgesetzt werden kann

Frau mit Restless-Legs-Syndrom liegt im Bett und wackelt mit den Beinen.

© Andrey Popov / stock.adobe.com

Achtung vor RLS-Mimics

Restless-Legs-Syndrom: Mit 5 Kriterien zur Diagnose

Mehrere Menschen im Gespräch

© Jacob Lund / stock.adobe.com

Wohlbefinden stärken

Wie sich psychische Erkrankungen im Praxisteam vorbeugen lassen