Ärzte Zeitung, 05.11.2015

Harnstein-Rezidive

Trinken, Trinken!

Spezielle Diäten bei Harnsteinen zielen auf das Symptom, nicht auf die Ursache. Die wichtigste Empfehlung ist, viel zu trinken.

Von Thomas Meissner

Trinken, Trinken!

Wichtigste Empfehlung zur Steinprophylaxe ist nach wie vor das Trinken großer Mengen Flüssigkeit.

© iStockphoto

CHEMNITZ. Nicht weniger als 28 Strategien, um Harnsteinen vorzubeugen, haben US-Forscher von der Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) in Rockville, Maryland, in einer Datenbankrecherche identifiziert, davon acht mit Diätempfehlungen.

"Die Qualität der Studien wurde insgesamt als mittelmäßig eingestuft", berichtet Professor Dirk Fahlenkamp aus Chemnitz und weist darauf hin: "Der Harnstein ist das Symptom einer Erkrankung, deren Ursachen mit der Steinentfernung nicht beseitigt werden."

Eine wirksame Metaphylaxe müsse daher auf der Steinanalyse basieren und gegebenenfalls Stoffwechselbesonderheiten des Patienten berücksichtigen (Uro-News 2015; 19(4): 20-22).

Individuelle Diätempfehlung

Patienten mit Kalziumoxalatsteinen können dieser Recherche zufolge allein mit dem Trinken großer Mengen Flüssigkeit ihr Steinrisiko senken, also etwa 2,5 bis 3,0 Liter pro Tag, sodass etwa zwei Liter Urin täglich ausgeschieden werden. Die Zufuhr tierischer Eiweiße zu reduzieren und viel Obst und Gemüse zu essen senkt allein das Harnsteinrezidivrisiko nicht.

Empfehlenswert ist es natürlich trotzdem. Die Kost darf normale Mengen Kalzium enthalten, aber wenig Kochsalz. Gefragt werden sollte auch nach dem Softdrinkgenuss - je weniger Cola, Fruchtsäfte oder süße Fertigtees getrunken werden, umso geringer ist das Harnsteinrisiko.

Solche allgemeinen diätetischen Tipps sind ein Anfang. Fahlenkamp berichtet aus der AHRQ-Analyse: "Als vorteilhaft gegenüber einer empirisch empfohlenen Diät erwies sich eine individuelle Diätempfehlung, die auf der Basis einer erweiterten Serum- und Urinanalyse verordnet wurde."

Die Patienten mit rezidivierenden Harnsteinleiden sollen möglichst eine Woche lang ausführlich ihre Trink- und Essgewohnheiten aufschreiben. Die Ergebnisse dieser Aufzeichnungen münden gemeinsam mit den Laborwerten in einer individuellen Empfehlung. Diese kann eine veränderte Ernährung ebenso einschließen wie medikamentöse Maßnahmen.

Serum- und Urinkontrollen

So fördern Hydrochlorothiazide die Kalziumrückresorption im distalen Tubulus der Niere und verringern damit die Kalziumausscheidung in den Urin. Potenziellen Nebenwirkungen wie einer Hypokaliämie muss mit dem Trinkregime entgegengewirkt werden, unterstützt durch die Kontrolle der Serum- und Urinparameter.

Der Befürchtung, dass Thiazide das Auftreten eines Diabetes mellitus fördern könnten, ist kürzlich in einer Untersuchung widersprochen worden: Thiazide, die zur Prophylaxe von Harnsteinen eingenommen werden, seien nicht mit einem erhöhten Risiko für Diabetes mellitus assoziiert (J Urol 2014; 192: 1700-4).

Insgesamt benötigten jedoch nur wenige Patienten mit speziellen Risiken eine pharmakologische Steinprophylaxe, erklärt Fahlenkamp in seinem Beitrag. Kalziumoxalatsteinbildner mit hoher Rezidivquote und entsprechendem Leidensdruck können nach seinen Angaben außer mit Thiaziddiuretika auch mit Alkalizitraten, Allopurinol und Magnesium behandelt werden.

Für Kalziumphosphatsteine sind vor allem Harnwegsinfekte, eine renal tubuläre Azidose und Hyperparathyreoidismus verantwortlich, die Behandlung muss entsprechend gestaltet werden. Bei Harnsäuresteinbildnern wird der Urin-pH mit Alkalizitraten angehoben, bei Infektsteinen müssen unter Umständen langfristig Antibiotika verordnet werden, manchmal ist es notwendig, den Urin-pH zu senken.

"Die seltenen, aber hartnäckigen Zystinsteine bedürfen einer besonders intensiven Metaphylaxe", so Fahlenkamp weiter. Der Chemnitzer Urologe empfiehlt eine exzessive Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr, der Urin-pH soll auf mehr als 7 angehoben werden. Sollte das nicht reichen, kommen Komplexbildner wie Thiopronin in Betracht.

Rezidivrate lässt sich halbieren

Eine erfolgreiche Metaphylaxe kann die Steinrezidivquote um knapp die Hälfte senken. Bei geschätzt knapp 190.000 Menschen mit rezidivierenden Harnsteinen in Deutschland ist das auch von gesundheitsökonomischer Relevanz.

Selbst wenn sich nur jeder vierte Harnstein-Patient an die Trinkempfehlungen halten würde, könnten 10 Millionen Euro im Jahr gespart werden, so Fahlenkamp, bei einer Senkung der Rezidivrate um 40 Prozent sogar 250 Millionen Euro. Wichtigste Empfehlung bleibt daher nach wie vor: Trinken, Trinken, Trinken!

[10.11.2015, 15:25:02]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Klaus Reichel
Ihren Artikel zur Rezidivvorbeugung von Harnsteinen habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich hätte allerdings noch einen ergänzenden, preiswerten Vorschlag: „Rezidivvorbeugung bei Uratsteinen!"

Anstelle von Medikamenten mit Alkalizitraten wie Uralyt-U empfahl ich meinen Patienten, täglich eine Zitrone auszudrücken, den Saft mit
Zucker- oder Mineralwasser zu verdünnen und zu den Mahlzeiten zu trinken.

Nur ein Beispiel: Vor ca. 45 Jahren kam eine junge Patienten in meine Behandlung, die schon mehrere Operationen wegen Uratsteinen hinter sich gebracht hatte – übrigens mit unschönen Op.-Narben. Sie verzog dann, ich habe sie erst vor wenigen Jahren wieder getroffen. Wie sie mir schilderte, war sie zwischenzeitlich völlig rezidivfrei geblieben und hatte auch mehrere komplikationslose Schwangerschaften.

Dr. Klaus Reichel, Internist aus Hersbruck
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