Ärzte Zeitung, 05.10.2016

Ärzte, aufgepasst

Hodenhochstand kommt häufiger vor als gedacht

Ein sekundärer Aszensus wird diagnostisch oft übersehen. Sind die Gene an der Fehlentwicklung Schuld? Und warum sollten Ärzte bei U-Terminen besonders darauf achten?

Von Thomas Meissner

Hodenhochstand kommt häufiger vor als gedacht

Kein Grund, es aus Scham zu verstecken: Ein Hodenhochstand kommt bei vielen Jungs vor.

© PeskyMonkey/ iStock

LEIPZIG. Bei einer womöglich nicht unerheblichen Zahl von Jungen gibt es eine sekundäre Aszension des Hodens, also einen erworbenen Hodenhochstand. "Vor 20 Jahren hätte ich die Frage, ob es so etwas gibt, kategorisch mit Nein beantwortet", sagte Privatdozentin Annette Schröder aus Regensburg.

Sie sprach beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Leipzig. In Wirklichkeit müsse mit einer Häufigkeit von zwei bis 73 Prozent mit Hodenhochstand gerechnet werden, erklärte die Urologin vom Krankenhaus Barmherzige Brüder.

Risiko liegt in der Familie

Bereits 1966 war in einer dänischen Studie bei 4300 Jungen die spontane Entwicklung der Hodenlage beobachtet worden und bei 1,6 Prozent eine Aszension nach bereits stattgehabtem Deszensus beschrieben worden.

Zehn Jahre später fand sich in einer Untersuchung von zwei Familien bei insgesamt acht von neun Jungen eine Aszension. Dies weise daraufhin, dass eine positive Familienanamnese ein Risikofaktor für den erworbenen Hodenhochstand zu sein scheine, so Schröder.

Sie zitierte außerdem eine niederländische Untersuchung aus dem Jahre 2003: Bei 261 Jungen, die zur Operation eines Hodenhochstandes anstanden, war ermittelt worden, ob der Hoden schon mindestens einmal im Skrotum gewesen war – dies war bei 73 Prozent von ihnen der Fall gewesen.

Fast 50 Prozent hatten Aszension

Schröder und ihre Kollegen haben in Regensburg zwischen Mai 2015 und August 2016 diese Untersuchung an ihren eigenen Patienten wiederholt.

Von 175 Jungen, die zur Operation kamen, hatten 94 einen primären Hodenhochstand und 81, also fast 50 Prozent, eine Aszension. Davon wiederum die Hälfte der Jungen hatte zuvor ein Pendelhoden.

Dies scheint damit ein weiterer Risikofaktor zu sein. Weitere Risiken sind nach Angaben Schröders eine Hydrozele sowie die späte Deszension des Hodens nach der Geburt.

Fertilität kann eingeschränkt sein

"Das ist etwas, was wir bislang offensichtlich nicht ausreichend wahrgenommen haben", sagte Schröder. Sie wies darauf hin, dass die Fertilität dieser Patienten später ähnlich eingeschränkt sei wie bei primärem Hodenhochstand, wobei einseitig betroffene Jungen kaum mit Einschränkungen rechnen müssen, im Unterschied zu beidseitig betroffenen.

Schröder forderte, die Hodenlage bis zur Pubertät regelhaft zu kontrollieren, etwa zu den U-Terminen. Bei hochskrotal liegenden Hoden sollte kurzfristig nachkontrolliert werden. Steht die Diagnose eines aszendierten Hodens fest, sollte so zügig wie möglich operiert werden.

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