Ärzte Zeitung, 19.10.2016

Männer mit 45 Jahren

Erektion ist nicht alles

Wie wichtig ist es, sexuell Potent zu sein? Mehr als jeder Dritte Mann mit erektiler Dysfunktion bezeichnen sich dennoch als sexuell zufrieden – und hält sich für einen guten Liebhaber.

Von Robert Bublak

Erektion ist nicht alles

Erektile Dysfunktion nagt am Selbstbild von Männern. Zu Unrecht, wie viele glauben?

© Daniel Loiselle / iStock.com

MÜNCHEN. Rund jeder sechste Mann im Alter von 45 Jahren ist von erektiler Dysfunktion betroffen. Das hat die Auswertung eines Begleitprojekts der PROBASE-Studie ergeben, die eine Arbeitsgruppe, geleitet von Professor Kathleen Herkommer, Klinik und Poliklinik für Urologie am Münchner Klinikum rechts der Isar, vorgelegt hat (Urologe 2016; 55: 1321–1328).

3143 heterosexuelle Männer waren dafür befragt worden und hatten Auskunft zur erektilen Funktion, aber auch zu ihrem Körperbild, ihrem Verständnis von Maskulinität und ihrem sexuellen Selbstwertgefühl gegeben.

Als erektile Dysfunktion (ED) war ein Wert von 25 oder darunter im International Index of Erectile Function 6 (IIEF-6) definiert, wo im Optimalfall 30 Punkte zu erreichen sind.

ED: Oft negatives Körperbild

Gemäß dieser Definition wiesen 16,2 Prozent der Männer eine zumindest leichte ED auf. Wie sich zeigte, hatte das für das Selbstbild der Betroffenen erhebliche Konsequenzen. Beispielsweise hatten sie ein negativeres Körperbild.

Im Dresdner Köperbildfragebogen erzielten Männer mit erektiler Dysfunktion im Mittel 3,6 und Männer ohne ED 3,8 von bestenfalls 5 möglichen Punkten. Der absolut betrachtet geringe Unterschied von 0,2 Punkten war statistisch hochsignifikant (p < 0,001).

Ähnlich verhielt es sich mit Blick auf die Wahrnehmung der eigenen Männlichkeit und das sexuelle Selbstwertgefühl; auch dort schätzten sich Männer mit ED im Durchschnitt schlechter ein als Männer ohne ED.

Angst vor sozialem Druck

Am deutlichsten unterschieden sich Männer mit und solche ohne gestörte Erektionsfähigkeit in der Wahrnehmung von sozialem Druck. Fast die Hälfte von ihnen gab an, beim Sex oft in Panik zu geraten ob der Aufgabe, "den Mann zu stehen".

Sie hatten den Eindruck, dass heutzutage von Männern beim Sex zu viel erwartet wird, und machten sich Sorgen, ob sie dem öffentlichen Bild des "echten Mannes" entsprechen könnten. Ähnlich äußerten sich nur etwa 13 Prozent der Männer ohne ED.

Weit weniger deutlich fiel indessen der Unterschied in der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten als Liebhaber aus. 37,5 Prozent der Männer mit ED waren weitgehend oder völlig der Meinung, ein guter Gespiele beim Sex zu sein, auf die Wünsche der Partnerin zu achten und Fantasie zu entwickeln.

Der Anteil der Männer ohne ED, die sich in diesem Sinne einen Status als guter Liebhaber bescheinigten, lag bei 54,2 Prozent.

Sexuelles Selbstwertgefühl nicht ausschließlich durch Erektionsfähigkeit bestimmt

Die Schlussfolgerung: "Dies lässt vermuten", so die Münchner Wissenschaftler, "dass das sexuelle Selbstwertgefühl nicht allein durch die Erektionsfähigkeit und die sexuelle Potenz des Mannes bestimmt wird."

Herkommer und ihre Mitarbeiter weisen einschränkend darauf hin, dass es sich bei der vorliegenden Erhebung um eine Querschnittsstudie handelt. Kausalzusammenhänge ließen sich damit nicht aufzeigen.

Die gefundenen Differenzen zwischen Männern mit und ohne ED in Körperbild, Maskulinitätsverständnis und sexuellem Selbstwertgefühl erlaubten nur den Schluss auf kleine bis mittlere Effekte. Es sei daher nicht sicher einzuschätzen, ob sie klinisch relevant seien.

Der Fokus der Studie habe auf dem Zusammenhang von Selbstbild und erektiler Dysfunktion gelegen. "Die erektile Funktion ist jedoch nur ein spezieller Aspekt des Sexualverhaltens", merken Herkommer und ihr Team hierzu durchaus selbstkritisch an.

Männern von 45 Jahren und darüber mag dies zu Trost und Gelassenheit verhelfen. Heißt es doch: Erektion ist nicht alles – und auch ohne Erektion ist nicht alles nichts.

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