Ärzte Zeitung, 08.02.2012

Diese Wege führen zur Kontinenz

Für Frauen mit Harninkontinenz gibt es inzwischen vielfältige konservative und operative Therapieoptionen. Die einzelnen Verfahren sind jedoch in Studien unterschiedlich gut untersucht.

Von Thomas Meißner

Diese Wege führen zur Kontinenz

Beckenbodentraining bessert Inkontinenzsymptome.

© tabato / imagesource.com

BERLIN. Belastungsharninkontinenz und die überaktive Blase (OAB) gehören zu den häufigsten Harninkontinenzformen bei Frauen. Die konservative Behandlung geht eventuell erforderlichen Operationen voran, sollte jedoch auch danach fortgeführt werden. Denn das hilft, Rezidive zu vermeiden.

In puncto Belastungsinkontinenz gibt es besonders für die Gewichtsreduktion inzwischen eine gute Beweislage für die Effektivität dieser Maßnahme. Weitere verhaltenstherapeutische Maßnahmen gehen auf die individuellen Gegebenheiten wie die Trinkgewohnheiten ein.

Dagegen fehlen Untersuchungen zu langfristigen Effekten der Physiotherapie, berichten Dr. Juliane Marschke und Professor Ralf Tunn vom St. Hedwig Krankenhaus Berlin (Gynäkologie + Geburtshilfe 2011, 16: 32-39).

Positive Wirkungen der Physiotherapie

In einer Cochrane-Metaanalyse konnten aber prinzipiell positive Wirkungen der Physiotherapie unter Anleitung nach gewiesen werden.

Das konkrete Vorgehen sollte den Experten zufolge vom jeweiligen Beckenbodenstatus und der klinischen Erfahrung der Therapeuten abhängig gemacht werden, besonders was die Kombination mit Biofeedbackverfahren und die Elektrostimulation angehe.

Zur Verwendung von Vaginal konen für das Beckenboden-Training liegen bislang keine ausreichenden Vergleiche mit anderen Therapie optionen vor, sodass deren Verwendung je nach Einzelfall entschieden wird. Gute Erfahrungen gebe es mit Pessaren, so die Spezialisten vom Deutschen Beckenbodenzentrum.

Ein Pessar hebt den urethravesikalen Übergang an. Voraussetzung für die Indikation sei, dass die Patientin das Pessar eigenständig benutzen könne, etwa beim Sport. Für diese und ähnliche Belastungssituationen eignen sich zudem Inkontinenztampons.

Bei Belastungsinkontinenz Arznei plus Physiotherapie

Als einziges Medikament für Patienten mit Belastungsinkontinenz ist der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin zugelassen. Es sind synergistische Effekte mit dem Beckenbodentraining beschrieben.

Das Arzneimittel sollte allerdings unbedingt einschleichend mit zweimal 20 mg/Tag über zwei Wochen dosiert werden, raten die Berliner Experten. Zieldosis sind zweimal 40 mg/Tag.

Schwindel und Übelkeit als häufige unerwünschte Wirkungen schränken die Anwendung des Präparates vor allem bei gleichzeitiger Medikation mit anderen Arzneimitteln ein, so Marschke und Tunn. Auch das Absetzen muss ausschleichend erfolgen.

Unter Frauen mit überaktiver Blase (OAB) gibt es Patientinnen mit zwar starken Beschwerden, jedoch ohne urodynamisch nachweisbare Detrusorüberaktivität. Dennoch profitieren sie von einer konservativen Behandlung, etwa mit Miktionsintervallverlängerungen, Physiotherapie unter Anleitung, Elektrostimulation und Beckenbodentraining.

Kombination kann sich günstig auswirken

Die Kombination dieser Maßnahmen mit Anticholinergika wirke sich günstig aus, müsse jedoch in Kenntnis der pharmakologischen und pharmakokinetischen Eigenschaften der Präparate erfolgen, so die Experten.

Denn es seien verschiedene Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten möglich. Besonders bei geriatrischen Patientinnen sei zu beachten, dass das ohnehin oft eingeschränkte Kurzzeitgedächtnis bei Medikation mit Anticholinergika womöglich weiter vermindert wird.

Spitzenspiegel der verabreichten Substanz können reduziert werden, indem Retardpräparate oder transdermale Systeme verwendet werden. M3-selektive Präparate wie Solifenacin oder Darifenacin haben keine zentralen oder kardia len Effekte, werden allerdings hepatisch eliminiert, sodass wiederum die Komedikation beachtet werden muss, berichten die Berliner Autoren.

Die Patientinnen sollten wissen, dass erst nach ein bis zwei Wochen spürbare Wirkungen der medikamentösen Behandlung eintreten, deren Effekte dann über weitere acht Wochen zunehmen. Insgesamt gelten alle Anticholinergika als ähnlich gut wirksam, sodass sich die Auswahl in erster Linie nach dem Neben wirkungsspektrum richtet.

Botulinumtoxin-A-Injektion zähmt überaktive Blase

Die chirurgischen Optionen bei Belas tungsinkontinenz umfassen inzwischen ein großes Spektrum, vor allem was die Bandtechniken hinsichtlich der verwendeten Materia lien und der chirurgischen Zugangswege angeht.

Die relativ aufwendige Kolposuspension dagegen werde an vielen Kliniken gar nicht mehr gelehrt, so Marschke und Tunn. Als primäres Therapeutikum nicht empfehlenswert sind ihrer Ansicht nach Injektionen mit Kollagen, Hydrogelen, Dextranomer / Hyaluronsäure, um das Urethravolumen zu verkleinern.

Die Heilungserfolge seien im Vergleich zu anderen operativen Methoden schlechter. Indiziert sind urethrale Injektionen bei Inkontinenzrezidiven oder auch bei multimorbiden Patientinnen.

Zur operativen Therapie bei überaktiver Blase zählen die Berliner Urogynäkologen die intravesikale Botulinumtoxin-A-Injektion als Off-Label-Use. Die Wirkung trete nach zwei bis drei Tagen ein und verstärke sich in den folgenden zwei Wochen deutlich. Harnretentionen sind selten.

Bei Erfolg lässt sich die Behandlung wieder holen. Besonders bei bereits bestehender Restharnproblematik bevorzugen die Kollegen jedoch die sakrale Neuromodulation.

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