Ärzte Zeitung online, 01.06.2014

Finale Nierenkrankheit

Schlechte Zähne, schlechte Prognose

Patienten mit finaler Nierenerkrankung haben ein erhöhtes Sterberisiko, wenn ihnen viele Zähne fehlen oder sie viele Füllungen haben. Das zeigt eine Studie, die jetzt auf dem europäischen Nephrologenkongress vorgestellt wurde.

Von Denis Nößler

Schlechte Zähne, schlechte Prognose

ESRD-Patienten mit vielen Zahnfüllungen hatten in der Studie ein 1,46-fach erhöhtes Sterberisiko.

© Marijan Murat / dpa

AMSTERDAM. Ein schlechtes Gebiss deutet offenbar auf einen frühen Tod hin. Denn fehlende Zähne, viele Füllungen und mangelnde Zahnpflege sind schlechte Prädiktoren für Patienten mit finaler Nierenerkrankungen (End-Stage Renal Disease, ESRD).

Darauf deuten zumindest neue Daten der ORAL-D-Studie, die beim 51. Jahreskongress der europäischen Nephrologengesellschaft ERA-EDTA am Sonntagmorgen in Amsterdam vorgestellt wurden.

In die prospektive Kohortenstudie, die der Dialyseanbieter Diaverum vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat, sind seit 2010 über 4000 erwachsene Nierenpatienten aus Frankreich, Ungarn, Italien, Polen, Portugal, Spanien und Argentinien aufgenommen worden.

Alle Patienten werden in den teilnehmenden Diaverum-Zentren mit Hämodialyse behandelt und leiden entsprechend an einer fortgeschrittenen, oft chronischen Nierenerkrankung (CKD).

In ORAL-D sind Follow-ups für Ein-Jahres- und 3-Jahres-Zeiträume vorgesehen. Nach früheren Angaben der Forschergruppe sollen Mortalität und Zahnstatus jährlich bis zum Jahr 2022 ermittelt werden (BMC Nephrology 2013; 14: 90).

1,46-fach erhöhtes Sterberisiko bei Menschen mit vielen gefüllten Zähnen

Nach den jetzt von Professor Giovanni Strippoli von der Universität im italienischen Bari vorgestellten Daten hatten ESRD-Patienten ohne Zähne in dem 22-Monats-Beobachtungszeitraum ein 1,27-fach höheres Sterberisiko als alle anderen ESRD-Patienten.

Auch gefüllte Zähne wirken sich demnach schlecht auf das Risiko raus - je mehr Zähne fehlen, desto schlechter. Wem mehr als zwölf Zähne überkront, gefüllt oder entfernt wurden, hatte in der Kohorte ein 1,46-fach erhöhtes Sterberisiko.

Laut Strippoli gibt es offenbar einen positiven Zusammenhang zwischen der Zahl der geschädigten Zähne und dem Mortalitätsrisiko - sowohl was die Gesamtmortalität betrifft, als auch die kardiovaskuläre Mortalität.

Auffallend bei der jetzigen Kohorte war außerdem der bei immerhin 77,5 Prozent aller Patienten schlechte Zahnstatus. Im Mittel hatten alle Patienten nur noch 16,8 Zähne. Allerdings könnte das gut mit dem Alter begründet werden: im Mittel war die Patienten knapp 62 Jahre alt.

Demgegenüber profitierten die Nierenpatienten allerdings bei guter Zahnpflege. So hatten Patienten, die noch ihre Zähne besaßen und angaben, ihre Zähne zu putzen, ein nur Dreiviertel so hohes Mortalitätsrisiko wie im Vergleich zur gesamten Kohorte.

Wer Zahnseide benutzte, hatte geringstes Sterberisiko

Ähnlich war es mit jenen Patienten, die angaben, ihre Zähne in den letzten drei Monaten geputzt zu haben (Risikorate HR: 0,79) und zwei Minuten oder länger putzen (HR: 0,81). Am besten schnitten jene Patienten ab, die Zahnseide benutzen. Ihr Sterberisiko war im Vergleich sogar halbiert (HR: 0,49).

Über mögliche Zusammenhänge zwischen Zahnpflege und Mortalität wollte Strippoli nicht spekulieren, auch nicht, ob womöglich bestimmte Pathomechanismen bei CKD- oder ESRD-Patienten kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen, wenn die Zahnhygiene schlecht ist.

Bekannt ist aus Assoziationsstudien seit langem jedoch, dass Patienten mit einem guten Zahnstatus und guter Zahnhygiene seltener Herzinfarkte und Schlaganfälle haben. Bekannt ist auch, dass chronische Zahnschäden Infektionen begünstigen können - mit den potenziellen Folgen der anhaltenden Inflammation.

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