Ärzte Zeitung, 23.01.2007

Botulinumtoxin lässt Prostata schrumpfen

Bei Männern mit BPH können Injektionen mit dem Toxin das Prostata-Volumen um zwei Drittel reduzieren

PITTSBURGH (ner). US-Urologen sind überzeugt, dass Botulinum- toxin künftig eine Therapieoption bei benigner Prostatahyperplasie (BPH) ist - und womöglich auch eine adjuvante Therapie beim Prostatakarzinom. Denn das Toxin lässt nicht nur eine vergrößerte Prostata schrumpfen und lindert BPH- Beschwerden, es treibt auch Karzinomzellen in den Tod.

Schema einer Prostata bei BPH. Das Gewebe ist vergrößert und behindert den Harnfluss. Foto: Löppert Pharma Profil

Solche Effekte des Toxins hat Dr. Michael B. Chancellor aus Pittsburg in der Zeitschrift "Current Prostate Reports" (4, 2006, 75) beschrieben.

So nahm etwa in einer Studie mit 30 Männern, denen Botulinumtoxin A oder Kochsalzlösung in die Prostata injiziert worden war, das Prostata-Volumen in der Verumgruppe von 53 auf 17 ml ab, in der Kontrollgruppe dagegen nicht.

Ähnliches wird für Männer mit sehr großen Prostata berichtet (mehr als 80 ml), die Botulinumtoxin A erhalten hatten. Zugleich besserte sich signifikant der Harnfluss, das Restharnvolumen nahm deutlich ab und der PSA-Wert fiel.

In einer anderen Studie wurden 41 Männern mit moderaten BPH-Beschwerden und einer maximalen Harnflussrate unter 12 ml/s behandelt. Die Patienten bekamen das Botulinumtoxin A transperineal (durch die Haut im Dammbereich zwischen After und Hodensack) und unter transrektaler Ultraschallkontrolle in die Prostata injiziert. Bei drei von vier Teilnehmern gingen die Beschwerden, gemessen mit der Internationalen Prostata-Symptom-Skala (IPSS), um mehr als 30 Prozent zurück (von 8 auf etwa 5,5 Punkte). Dies machte sich auch in einer erhöhten Lebensqualität bemerkbar.

Biopsien haben nach Angaben der Urologen ergeben, dass das Toxin eine Zellapoptose induziert und so die Drüse verkleinert. Allerdings seien die Symptomlinderungen nicht allein darauf zurückzuführen. Vielmehr scheint es wahrscheinlich, dass der Tonus der glatten Drüsenmuskulatur sowie sensible Nervenfunktionen ebenfalls beeinflusst werden, was zur Symptombesserung beiträgt. Zudem werden Entzündungsprozesse gehemmt.

Diese Befunde machen das Neurotoxin auch aus onkologischer Sicht interessant. Zumal die Injektionen kaum lokale oder systemische Nebenwirkungen hervorrufen. Im Tierversuch sei bereits die Apoptose von Prostatakarzinom-Zellen nachgewiesen worden, so Chancellor. Da vermutlich auch entzündliche Faktoren in der Tumorgenese von Bedeutung sind, hoffen sie auf einen adjuvanten Effekt der Toxin-Injektion beim Prostatakarzinom. Die Forschung dazu läuft noch.

Die bislang vorliegenden Studien insbesondere zur benignen Prostatahyperplasie bezeichnen die US-Kollegen als ermutigend. Zugleich warnen sie vor einer breiten Anwendung, bevor Nutzen und Risiken nicht in großen randomisierten Studien nachgewiesen worden sind.

STICHWORT

Botulinumtoxin

Das anaerobe Bakterium Clostridium botulinum bildet ein Toxin, das selektiv und reversibel die quergestreifte Muskulatur lähmt. Es ist hauptsächlich bei Spasmen, Dystonien und Hyperhidrosis indiziert. Von den sieben bekannten Serotypen des Botulinumtoxins werden lediglich zwei (Typ A und Typ B) klinisch angewendet. Die auf dem Markt befindlichen Präparate haben unterschiedliche pharmakologische Profile, weshalb weder die Dosierungen vergleichbar sind noch die Wirksamkeit bei verschiedenen Indikationen von einem Präparat auf ein anderes übertragen werden kann. (ner)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Toxin-Injektion statt Operation

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