Ärzte Zeitung, 05.06.2008

HINTERGRUND

12 000 Patienten auf der Warteliste für fremde Organe - eine Zahl, die kaum kleiner wird

Von Nicola Siegmund-Schultze

Vor der Entnahme einer Spenderniere für die Transplantation. Auf fremde Nieren warten in Deutschland derzeit etwa 8000 Patienten.

Foto: Lorenz

Eigentlich ist es ein Massenphänomen, dass Kranke in Deutschland ein Organ benötigen. Und eher eine Seltenheit, dass Menschen sich entscheiden, wie sie selbst zum Thema Organspende stehen und diese Entscheidung dokumentieren. Etwa zwölf Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Organspendeausweis. Bei etwa sechs Prozent der Organspender findet sich eine schriftlich dokumentierte Zustimmung. Weitere 18,4 Prozent haben zu Lebzeiten mündlich zugestimmt, im Gespräch mit Angehörigen.

Dagegen stehen etwa 12 000 Patienten auf der Warteliste, eine Zahl, die sich seit Jahren kaum verändert. Nicht berücksichtigt jene Kranken, die prinzipiell für eine Transplantation infrage kämen, aber gar nicht angemeldet werden. So sind allein etwa 63 000 Bundesbürger dialysepflichtig, und jedem Dritten würde Schätzungen zu Folge eine Nierentransplantation medizinisch nutzen. Aber nur etwa 8000 Nierenkranke sind zur Transplantation angemeldet.

Im vergangenen Jahr wurden fast 5000 Organe verpflanzt

Diskrepanzen wie diese ließen sich nicht nur medizinisch erklären, erläuterte der Transplantationsmediziner Professor Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover bei einer Tagung in Berlin. Allgemein korreliere die Zahl der Patienten auf der Warteliste mit der Zahl der verfügbaren Organe. Haverich ist Stiftungsratsvorsitzender der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die in Deutschland die postmortale Organspende koordiniert.

Ein Erfolg immerhin: 2007 konnten Ärzte in Deutschland 4885 Organe verpflanzen, davon 745 lebend gespendete. Die Zahl der postmortalen Organspenden steigt seit einigen Jahren kontinuierlich und hat 2007 mit 4140 Organen einen Höchstwert seit mindestens 18 Jahren erreicht. So positiv dieser Trend für Patienten ist - ob er künftig stabil sein wird, bleibt abzuwarten.

Die Gründe für den Organmangel in Deutschland sind vielfältig. Denn die Transplantationsmedizin lebt nicht nur von der Solidarität der Gesunden mit den Kranken. Sie ist ebenso abhängig von der Kooperation aller in das System integrierten Personen und Institutionen. So wundert es nicht, dass die Zusammenarbeit etwa zwischen Dialyseärzten und Transplantationskliniken, zwischen reinen "Spender"-Krankenhäusern und Transplantationszentren, zwischen Organentnahme- und Implantationsteams extrem störanfällig ist. Und das angesichts des ethischen Konfliktpotenzials um den Hirntod, der hohen Arbeitsbelastung des Klinikpersonals und des zunehmenden ökonomischen Drucks im Gesundheitswesen.

Kooperation bei Organspende ist extrem störanfällig.

Eine andere Ursache für den Organmangel: Als zum Beispiel vor einigen Jahren 202 Ärzte zu ihrer persönlichen Haltung zur Organspende befragt wurden, hatten nur 65 Prozent von ihnen einen Ausweis. 4 von 10 Befragten sorgten sich um die gerechte Zuteilung der Organe, den Egoismus der Transplantationszentren und die Profilierungssucht von Transplanteuren. In Schleswig-Holstein wird ein für das erste Quartal 2008 beobachteter Rückgang der postmortalen Organspende in Verbindung gebracht mit dem Vorwurf, an der Uniklinik Kiel seien Privatpatienten gegenüber gesetzlich Versicherten bevorzugt worden, obwohl der Vorwurf inzwischen widerlegt ist (wir berichteten).

Schließlich wird die Spendebereitschaft einer Recherche der Europäischen Kommission 2007 zufolge von kulturellen, sozialen und historischen Gegebenheiten beeinflusst. Von großer Bedeutung seien zudem die unterschiedliche Organisation der Gesundheitssysteme und Anforderungen an die Qualität und Sicherheit der Organe in Europa. Wie unterschiedlich jede dieser Komponenten offenbar regional wirken kann, belegen Zahlen aus Deutschland: 2007 betrug die Zahl der postmortalen Spender pro Million Einwohner im Stadtstaat Bremen 31,7 (Spanien: 33,8), in Schleswig-Holstein 10,9 und im Bundesdurchschnitt 16.

Mehr Organspenden durch erweiterte Spenderkriterien

Trotz allem: Es dürfte Möglichkeiten geben, die Zahl der Organspenden zu erhöhen - etwa durch Öffentlichkeitsarbeit, verbunden mit einer Transparenz des Systems, durch Erweiterung der Spenderkriterien, wie in den vergangenen Jahren, und durch mehr Lebendspenden. Zugleich ließe sich der Bedarf an Organen durch bessere Prävention reduzieren, durch Optimierung der Transplantationsergebnisse, so dass weniger Zweit- und Dritttransplantationen erforderlich würden, sowie durch Alternativen zur Verwendung menschlicher Organe, etwa künstlicher Organersatz oder Xenotransplantate.

Weitere Infos zu Organtransplantation unter www.dso.de und www.bzga.de

STICHWORT

Organspende

Für die postmortale Organspende ist der Hirntod die medizinische Voraussetzung. Zwei Fachärzte müssen nach den Richtlinien der Bundesärztekammer die Hirntod-Diagnostik vornehmen. Bei Bedarf vermittelt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) unabhängige Fachärzte für diese Diagnostik. Die DSO ist die bundesweite Koordinierungsstelle für die Organspende nach dem Tod. Die Stiftung fördert Organspende und Organtransplantation.

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