Ärzte Zeitung, 10.02.2009

"Optimal ist, prä- und postprandiale Blutzuckerwerte zu messen"

Nüchternblutzucker oder postprandialer Blutzucker: Welcher Wert ist zuverlässiger, wenn es um die Diagnose eines Typ-2-Diabetes geht und um Kontrollen? Antworten gibt Professor Hellmut Mehnert.

Professur Hellmut Mehnert: Die Kombination von Metformin und Nateglinid ist eine sehr elegante Option.

Ärzte Zeitung: Beim Stellenwert von Nüchternblutzucker und postprandialem Blutzucker zur Diagnostik eines Typ-2-Diabetes sind sich Europäer und US-Amerikaner nicht so ganz einig...?

Professor Hellmut Mehnert: Ja, das ist de facto so. Es lässt sich sagen, dass in den USA vor allem der Nüchternblutzucker für die Diagnostik von großer Bedeutung ist. Das ist zwar in Europa nicht anders, hier wird aber zusätzlich auf die oft stringentere Aussagekraft des postprandialen Blutzuckers hingewiesen. Vergleichsstudien haben ergeben, dass in der Tat die Bestimmung des postprandialen Blutzuckers häufiger einen Diabetes erkennen lässt als die Bestimmung des Nüchternblutzuckers. Am besten ist wohl die Kombination von beidem. Ganz allgemein gilt, dass die diagnostischen Kriterien in den vergangenen Jahren verschärft wurden und wahrscheinlich in Zukunft noch strenger ausgelegt werden, da die diabetischen Folgeschäden schon bei relativ niedrigen hyperglykämischen Werten auftreten können.

Ärzte Zeitung: Und welcher Wert macht zur Kontrolle der Diabetes-therapie das Rennen?

Mehnert: Für die Kontrolle sind außer dem Goldstandard HbA1c sowohl der Nüchternblutzucker als auch der postprandiale Blutzucker von Bedeutung. Gerade die Bestimmung des postprandialen Blutzuckerwertes hat aber dadurch an Bedeutung gewonnen, dass die kardiovaskuläre Mortalität unter der hyperglykämischen postprandialen Stoffwechselentgleisung stärker ausgeprägt ist als bei erhöhtem Nüchternblutzuckerwert.

Ärzte Zeitung: Insulin spritzende Diabetiker messen aber oft präprandial ihren Blutzucker ...

Mehnert: ... ja, denn sie wollen die Insulindosis mit einem kurz wirkenden Präparat abschätzen können. Ohne Zweifel ist es aber wichtig, auch sie aufgrund der gerade erwähnten Gründe auf die Bedeutung von Messungen des postprandialen Wertes hinzuweisen.

Ärzte Zeitung: Stichwort Blutzuckerselbstmessung: Wie oft und wann sollten Patienten mit Typ-2-Diabetes ihren Blutzucker messen?

Mehnert: Hier muss man zwischen Patienten mit und ohne Insulinbehandlung unterscheiden. Auch bei letzteren kann die Selbstkontrolle bessere Einstellungsergebnisse bringen (ROSSO-Studie). Für Insulin behandelte Typ-2-Diabetiker wäre es optimal, wenn pro Woche an 3 bis 4 Tagen jeweils vor und nach einer Mahlzeit oder auch vor dem Schlafengehen gemessen wird.

Für Patienten mit basal unterstützter oraler Therapie (BOT) wird übrigens als Dauerkontrolle in der Regel nur ein morgendlicher Nüchternblutzucker vor der einmaligen (Insulinglargin-) Injektion empfohlen. Bei neu entdecktem Diabetes sollte öfter gemessen werden, damit die Patienten ein Gefühl dafür bekommen, wie sich zum Beispiel ein Essen, ein Spaziergang oder auch eine Infektion bei ihnen auf den Blutzucker auswirken. Wichtig ist es, die Patienten gut zu schulen und ihnen Handlungsanleitungen zu geben.

Professor Hellmut Mehnert

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten - diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht. Er hat auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

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