Ärzte Zeitung, 26.03.2012

Schlechtes Gedächtnis erhöht Hypoglykämie-Gefahr

Viele Typ-2-Diabetiker bauen im Alter geistig besonders schnell ab. Die Therapie kann sie dann überfordern, was gefährliche Hypoglykämien begünstigt.

Schlechtes Gedächtnis erhöht Hypoglykämie-Gefahr

Reicht die geistige Leistungsfähigkeit noch für das selbständige Diabetes-Management aus? Sonst sind Angehörige oder Pflegepersonal einzubinden.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

HAMILTON (mut). In der etwa vierjährigen ACCORD-Studie wurde bei über 10 000 Typ-2-Diabetikern mit hohem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse eine intensivierte Diabetestherapie (Ziel-HbA1c unter 6 Prozent) mit der Standardtherapie (HbA1c 7,0 bis 7,9 Prozent) geprüft.

Bei knapp 3000 Teilnehmern erfassten Ärzte zusätzlich den kognitiven Status zu Beginn und während der Studie (ACCORD-MIND).

Forscher um Dr. Zubin Punthakee aus Hamilton in Kanada schauten dabei vor allem nach Klinikaufenthalten wegen schwerer Hypoglykämien (Diab Care 2012; online 28. Februar). Diese traten bei 160 Diabetikern (5,5 Prozent) auf.

Betroffene waren älter als der Durchschnitt in der Studie, sie hatten einen geringeren Bildungsgrad, ihr Diabetes war schlechter unter Kontrolle, und sie erreichten in dem Kognitionstest zu Beginn der Studie unterdurchschnittliche Werte.

Um die kognitive Leistungsfähigkeit zu messen, setzten die Forscher vor allem auf den Digit Symbol Substitution Test (DSST). Er erfasst sowohl die Lernkapazität, die Verarbeitungsgeschwindigkeit als auch die Aufmerksamkeit. Die Spannweite reicht von 0 Punkten (am schlechtesten) bis 133 Punkte (am besten).

Durschnitt lag bei 53 Punkten

Zu Beginn der Studie lag der Durchschnitt beim DSST bei knapp 53 Punkten. Diejenigen Patienten, die im Lauf der Studie schwere Hypoglykämien entwickelten, hatten zu Beginn jedoch im Mittel nur einen Wert von 46 Punkten.

Fünf Punkte weniger im DSST zu Beginn gingen mit einer 13 Prozent höheren Rate schwerer Hypoglykämien einher. Die Rate war dabei in der Gruppe mit intensivierter Therapie etwas weniger stark erhöht (10 Prozent), dafür lag sie mit der Standardtherapie sogar um 22 Prozent über Durchschnitt.

Ein weiteres Ergebnis: Diabetiker im Tertil mit den schlechtesten Kognitionswerten bekamen sogar doppelt so häufig schwere Hypoglykämien wie solche im Tertil mit den besten Werten. Und bei Patienten, die im Laufe der Studie um mehr als 5-Punkte beim DSST abbauten, war die Rate für Hypoglykämien ebenfalls höher als bei denjenigen, bei denen die kognitive Funktion in etwa konstant blieb.

Die Forscher schließen aus den Daten, dass ein gewisser Teil der Diabetiker kognitiv nicht mehr in der Lage war, die komplexen Anweisungen zu Therapie, Ernährung und Blutzuckerkontrolle zu befolgen. Sie raten Ärzten daher, den kognitiven Status bei Typ-2-Diabetikern regelmäßig zu erfassen.

Quelle: www.springermedizin.de

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