Ärzte Zeitung, 06.06.2011

Hintergrund

Förderalismus in der Kritik: "EHEC macht nicht an Grenzen halt"

Die EHEC-Krise ist auch weiter nicht ausgestanden. Während bislang 21 Todesfälle gezählt werden, kämpfen Ärzte um ihre teils schwer erkrankten Patienten. Die deutschen Nephrologen haben jetzt ein Team zur Koordinierung aufgestellt - und sie kritisieren die föderalen Strukturen.

Von Christian Beneker

Bündeln von Kompetenzen - das fordern Nephrologen für die EHEC-Krise

DGfN-Chef Brunkhorst (rechts) mit seinem Hamburger Kollegen Rolf Stahl: Nicht sinnvoll, mit den landesbezogenen Gesundheitsbehörden und Gesundheitsämtern zu arbeiten.

© dpa

Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) koordiniert in ihrer Geschäftsstelle die Versorgung von EHEC-Patienten. Einer ihrer Programmpunkte ist die Bettenkapazität. Gegenwärtig reichten die Kapazitäten in den Gebieten Norddeutschlands noch aus.

Es sei von weit mehr als 1000 EHEC-Patienten auszugehen und von weit mehr als 500 Patienten mit EHEC-bedingtem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). In Norddeutschland gibt es rund 30 Schwerpunktstationen für Nephrologie.

"Auch die kleineren Krankenhäuser haben beachtliche Zahlen von Betten mit EHEC-Patienten", sagte Professor Ulrich Kunzendorf, Direktor der Uniklinik für Nieren- und Hochdruckerkranungen in Kiel.

Allerdings können nicht alle Krankenhäuser Maximales bei der Versorgung der Patienten leisten. Für eine Verschärfung der Situation seien Vorkehrungen getroffen worden.

"Über die DGfN sind Nephrologen deutschlandweit vernetzt. So kann bei Versorgungsengpässen schnell gehandelt werden, etwa durch Überweisungen von Patienten in weniger stark betroffene Gebiete, Versand von Maschinen und Vermittlung von Fachpersonal", hieß es bei einer Pressekonferenz der DGfN in Hamburg.

Allerdings zweifelt Professor Reinhard Brunkhorst, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, bei der EHEC-Epidemie am Nutzen der föderalen Struktur Deutschlands. Die Krankheiten machten nicht an Landesgrenzen Halt.

Es sei nicht sinnvoll, in einer solchen Situation mit landesbezogenen Gesundheitsbehörden und Gesundheitsämtern zu arbeiten, erklärte der Hannoveraner Nephrologe der "Ärzte Zeitung". Man müsse sich überlegen, "ob man für Ausnahmefälle wie die gegenwärtige Epidemie eine einheitliche Struktur in Händen des Robert Koch-Institutes schafft."

So könnte das RKI direkt zu den einzelnen Patienten gehen und sie befragen - unabhängig davon, in welchem Bundesland sie leben. "Genau das ist bei uns noch nicht möglich", sagte Brunkhorst. Das RKI hat für die Länder lediglich beratende Funktion.

"In den USA gibt es zum Beispiel das "Center For Disease Control" (CDC). Wir brauchen etwas Entsprechendes auf europäischer Ebene."

Darüber hinaus regte Brunkhorst an, die Kompetenzen auf Bundesebene zu bündeln. "Der Gesundheitsbereich und die Nahrungsmittelkontrolle sollten in einer Behörde zusammengefasst werden", schlug der Nephrologe vor. Bislang sind das Robert Koch-Institut und das Amt für Risikobewertung unabhängige Institutionen.

Seit einer Woche hat die DGfN ein Online-Register geschaffen, um die EHEC-bedingten HUS-Fälle zu dokumentieren. Assistenten sammeln alle Daten der Patienten aus 15 Krankenhäusern bei der DGfN und tragen sie ins Register ein.

Auch die Daten der Behandlung per Plasmaaustausch (Plasmapherese) und mit dem Antikörper Eculizumab werden bei der DGfN gesammelt.

"Dann werden wir die Daten zentral auswerten und wissenschaftlich aufbereiten. So können wir neue Medikamente zur Verfügung haben, falls zukünftig eine vergleichbare Epidemie auftritt," sagte Brunkhorst.

Die DGfN hat alle Nephrologen aufgefordert, ihre Fälle in das Register einzupflegen. "Außerdem haben wir auf unserer Homepage Hinweise zur Therapie der Plasmapherese und mit Eculizumab gegeben. Alle Kliniken gehen nach diesem Protokoll vor, das auf der Homepage abrufbar ist."

Die Versorgung dürfte unterdessen vor allem den großen Unikliniken und öffentlichen Krankenhäusern obliegen, wie auch Brunkhorst bestätigte. Besondere Resonanz findet dieser Umstand derzeit in Kiel. Denn das Gesundheitsministerium Schleswig-Holsteins diskutiert seit geraumer Zeit über die Privatisierung der Uni-Klinik.

Eine solch extreme Epidemie, wie sie jetzt besteht, sei nur in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft zu bewältigen, sagte die Kieler Ärztin Dr. Tanja Kühbacher dem "Deutschlandfunk".

Denn die Versorgung dieser Patienten gehe mit hohen Kosten einher. Auch sei es mit einem privaten Träger in dieser Art und Weise, wie das jetzt geschehe, sicherlich nicht möglich, so schnell so viel Kapazitäten zur Behandlung der Patienten bereitzustellen.

Dazu gehöre zum Beispiel auch die Bereitschaft, auf Einnahmequellen zu verzichten, indem man Privatstationen schließt und elektive Operationen absagt.

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