Ärzte Zeitung, 23.10.2008

Mit einem Partner forscht es sich besser

Viele Arzneimittelinnovationen verdanken ihre Existenz strategischen Allianzen von großen Arzneimittelkonzernen mit Start-Up-Firmen oder spezialisierten Biotech-Unternehmen.

Von Bertold Schmitt-Feuerbach

Forschungsalltag bei MorphoSys. Der Antikörper-Spezialist ist ein gefragter Kooperationspartner.

Foto: MorphoSys AG

Innovative Therapeutika zu entwickeln, wird ein immer aufwendigeres und teureres Geschäft. So aufwendig, dass selbst Unternehmen mit einem Börsenwert von über 100 Milliarden Dollar ihre Pipelines nach der Devise füllen: Gemeinsam forscht es sich besser. Deshalb vergeht keine Woche, in der in der Pharmabranche nicht eine oder mehrere Allianzen geschlossen werden.

Allein 60 solcher Allianzen zählte die Unternehmensberatung Ernst & Young in der deutschen Biotechindustrie im vergangenen Jahr. Das waren zwar 13 weniger als 2006. "Die Verträge wurden aber in einer Größenordnung abgeschlossen, die alles Bisherige übertrifft", heißt es im deutschen Biotechnologie-Report von Ernst & Young. Insgesamt 675 Millionen Euro an sofortigen und zukünftigen Zahlungen haben sich dem Bericht zufolge vier deutsche Biotech-Unternehmen im vergangenen Jahr gesichert.

Oft erwirbt im Rahmen solcher Vereinbarungen der größere vom kleineren Partner die Lizenz für einen Wirkstoff, der sich noch in einer frühen Phase der Entwicklung befindet. Das größere Unternehmen nutzt sein Know-how, aber auch seine Finanzkraft um es zur Marktreife zu entwickeln. Oder ein Unternehmen lizenziert für seine eigenen Wirkstoffe vom Spezialisten bestimmte Technologien, zum Beispiel, um die Wirkstofffreisetzung zu optimieren, wie transdermale Systeme, Inhalatoren oder Verfahren zur zeitverzögerten Freisetzung.

Das Biotech- oder Startup-Unternehmen, das Rechte oder Lizenzen an einem Wirkstoff oder einer Technologie überträgt, erhält im Gegenzug Geld von seinem Partner. Beim Abschluss der Vereinbarung wird meistens eine Vorabzahlung gezahlt. Später werden Zahlungen fällig, die vom Erreichen sogenannter Meilensteine abhängig sind. So kann der Abschluß bestimmter Phasen der klinischen Entwicklung jeweils eine Meilensteinzahlung auslösen oder die Zulassung für das erste Anwendungsgebiet, für weitere Indikationen, die Zulassung in bestimmten Ländern oder Regionen. Ist das Produkt erst einmal im Markt, zahlt der Lizenznehmer dem Lizenzgeber sogenannte Royalties, in der Regel sind das prozentuale Umsatzbeteilungen.

In diesem und im vergangenen Jahr haben zum Beispiel folgende Firmen große strategische Allianzen geschlossen:

  • GlaxoSmithKline und das schweizerische Unternehmen Actelion zur gemeinsamen Entwicklung von Actelions Wirkstoff Almorexant gegen Insomnie. Bei Erreichen aller Meilensteine könnte die Vereinbarung Actelion 3,3 Milliarden Schweizer Franken einbringen.
  • Pfizer und Avant Immunotherapeutics (heute Celldex Therapeutics): Pfizer erwarb von dem US-Biotechunternehmen die exklusive weltweite Lizenz für eine potenzielle Krebsvakzine (CDX-110). Sie befindet sich in klinischer Prüfung zur Behandlung von Patienten mit Glioblastom multiforme. Im Erfolgsfalle bringt die Vereinbarung Celldex bis zu 440 Millionen Dollar.
  • Genentech und Seattle Genetics: Genentech erwarb von Seattle Genetics die exklusiven weltweiten Rechte an einem humanisierten monoklonalen Antikörper (SGN), der zur Zeit bei multiplem Myelom, chronischer lymphozytärer Leukämie und Non-Hodgkin-Lymphom geprüft wird. Der Deal kann Seattle Genetics 860 Millionen Dollar und mehr einbringen.
  • Novartis und die deutsche MorphoSys AG (Martinsried): Novartis nutzt die Antikörper-Technologie von MorphoSys zur Entwicklung von Arzneimitteln. Der langfristige Deal könnte in der Spitze einen Wert von einer Milliarde Dollar erreichen.

Von den Allianzen profitieren beide Partner: Die klassischen Pharmakonzerne erhalten Nachschub für ihre Pipelines und konzentrieren sich auf das, was sie besonders gut können: Arzneimittel in großen klinischen Studien entwickeln und sie nach Zulassung weltweit Ärzten und Patienten zur Verfügung stellen. Biotechs und Start-Ups erhalten die Einnahmen, die sie brauchen, um auf ihren Spezialgebieten neue Wirkstoffe und Techniken zu entdecken.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Innovationen - Forschung in Deutschland und international"
Folge 26:


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