Ärzte Zeitung, 17.10.2014

Galenus

Preise für Innovationen und Ideen

Vorfahrt für Qualität, Innovation und bürgerschaftliches Engagement - unter diesem Motto stand die Verleihung des Galenus-von-Pergamon-Preises und des CharityAwards 2014.

Von Helmut Laschet

Preise für Innovationen und Ideen

Georg Okroy (3.v.l.) von Biogen Idec nahm die Galenus-von-Pergamon-Medaille für Tecfidera® entgegen. Überreicht wurde der Preis von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (3.v.r.). Glückwünsche kamen von Moderatorin Susan Link (v.l.), Joachim Krieger, President Professional Businesses von Springer, Chefredakteur Wolfgang van den Bergh von der Ärzte Zeitung (v.r.) und dem Galenus-Jury-Präsidenten Professor Erland Erdmann.

© David Ausserhofer

BERLIN. In Anwesenheit von mehr als 200 Gästen aus Medizin, Wissenschaft und Gesundheitspolitik zeichnete die Schirmherrin des Galenus-Preises, Bundesbildungsministerin Professor Johanna Wanka, Forschungsleistungen aus, darunter erstmals in der Kategorie "Orphan Drugs".

Therapien für seltene Erkrankungen charakterisieren den enormen medizinischen Fortschritt der vergangenen Jahre, sagte Joachim Krieger, Präsident von Springer Medizin.

Die große Koalition habe Qualität an die erste Stelle ihrer gesundheitspolitischen Agenda gesetzt - das hänge aber auch davon ab, ob Deutschland ein innovationsoffenes Land bleibe. Angesichts von elf Milliarden Euro Forschungsinvestitionen in der Medizin seien die Chancen groß.

In ihrer Festrede würdigte Frau Wanka die Leistung der pharmazeutischen Industrie als eine der forschungsintensivsten Branchen in Deutschland. Gerade deshalb sei der Dialog zwischen Politik, Industrie und Wissenschaft, der jetzt in einem neuen Format geführt werde, wichtig und mit hohen Ansprüchen verbunden.

Bekämpfung von Volkskrankheiten ein Schwerpunkt

Preise für Innovationen und Ideen

Die Preisverleihung im Berliner Axica fand vor mehr als 200 geladenen Gästen statt.

© Peter Himsel

Der Abend in Bildern...

Trotz aller Erfolg der wissenschaftlichen Medizin bleiben laut Wanka große Herausforderungen gerade in einer Gesellschaft des langen Lebens.

Ein Schwerpunkt liege dabei auf der Bekämpfung von Volkskrankheiten. Darüber hinaus gebe es noch immer schwere unheilbare Krankheiten wie Multiple Sklerose oder rezidivierender Krebs bei Kindern.

Die Innovationspolitik der Bundesregierung sei davon geprägt, Grundlagen- und Anwendungsforschung miteinander zu verbinden und Erkenntnisse aus der Forschung effizienter in den klinischen Alltag zu integrieren.

Wenn in den nächsten Monaten das Kooperationsverbot von Bund und Ländern falle, entstünden neue Möglichkeiten für Synergien zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung.

Welche Priorität die Koalition der Innovationspolitik beimesse, zeige sich auch daran, dass der Etat des Forschungsressorts in dieser Wahlperiode um 25 Prozent steigen werde.

"Soziales Engagement erfordert Kraft"

Im Namen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zeichnete die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz die aus über 50 Bewerbern von der Jury ausgewählten Preisträger des CharityAwards aus.

"Soziales Engagement muss gepflegt werden, denn es erfordert Kraft", sagte sie. Genau diese Würdigung erfahre Engagement mit dem CharityAward.

Für die Charity-Preisträger machte der 88-jährige Kölner Arzt und Mitbegründer der Obdachenlosenhilfe Dr. Peter Krebs die Motivation der ehrenamtlichen Ärzte und Krankenschwestern deutlich: mit einfachen Mitteln Menschen zu helfen, die oft aus Furcht vor staatlichen Institutionen auf mitmenschliche Hilfe angewiesen sind.

Kategorie Primary Care: Tecfidera®

Tecfidera® (Dimethylfumarat) von Biogen Idec zur oralen Basistherapie bei RR-MS erhält den Galenus-Preis 2014 in der Kategorie Primary Care.

Dimethylfumarat (DMF, Tecfidera®) senkt bei Erwachsenen mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose die Schubrate und verlangsamt die Progression des Behinderungsgrades, gemessen anhand der EDSS (Expanded Disability Status Scale).

In einer für die Zulassung relevanten Studie (DEFINE) verringerte sich innerhalb von zwei Jahren das Schubrisiko unter DMF im Vergleich zu Placebo signifikant um 49 Prozent; die jährliche Schubrate sank signifikant um 53 Prozent. Im Vergleich zur Placebogruppe wurde das Fortschreiten des Behinderungsgrads nach zwölf Wochen um 38 Prozent gesenkt. Auch die Zahl kernspintomografisch nachweisbarer neuer oder vergrößerter hyperintenser T2-Läsionen war im Vergleich zu Placebo signifikant niedriger.

DMF kommt als Bestandteil des Zitronensäurezyklus physiologisch im Organismus vor und ist für den oxidativen Energiestoffwechsel der Zellen von essenzieller Bedeutung. Auf molekularer Ebene wurde eine Aktivierung des Nrf2-Signalwegs (Nuclear Factor Erythroid 2-Related Factor 2) als Wirkungsmechanismus identifiziert, durch die es innerhalb der Zellen letztendlich zur Normalisierung des Energiehaushalts, zur Entgiftung und zum Abbau beschädigter Proteine kommt.

"Unser Ziel bleibt es, einen Wirkstoff zu entwickeln, der MS tatsächlich stoppen und Heilung bringen kann. Das ist aber noch ein weiter Weg", betonte Georg Okroy, Biogen Idec, bei der Ehrung. (mal/ger)

Im Video-Interview spricht Dr. Matthias Meergans, Medical Director von Biogen Idec, am Abend der Preisverleihung über die Auszeichnung und die Tatsache, dass der GBA am gleichen Tag dem prämierten Präparat Tecfidera® keinen Zusatznutzen zugesprochen hat.

Kategorie Specialist Care: Sovaldi®

Sovaldi® (Sofosbuvir) von Gilead Sciences, geehrt mit dem Galenus-Preis in der Kategorie Specialist Care, wirkt gegen alle sechs HCV-Genotypen.

Sofosbuvir (Sovaldi®) ist ein direkt gegen Hepatitis-CViren (HCV) gerichtetes orales Virostatikum. Es ist gegen alle sechs HCV-Genotypen wirksam, und es ist nur eine relativ kurze Behandlungszeit von zwölf Wochen nötig. "Mit Sovaldi® heilen wir tatsächlich Patienten mit Hepatitis C innerhalb von zwölf Wochen", bestätigte Dr. Patric Carolla, Gilead Sciences, bei der Ehrung in Berlin. "Danach können die ein ganz normales Leben führen."

In Phase-III-Studien führte die zwölfwöchige Therapie mit Sofosbuvir in Kombination mit peg-IFN/Ribavirin (Genotyp 1, 3, 4, 5, 6) oder mit Ribavirin allein (Genotyp 2) bei mindestens 90 Prozent der nicht vorbehandelten Patienten zu einem dauerhaften virologischen Ansprechen (SVR 12, sustained virological response).

Die Sofosbuvir / Ribavirin-Kombination ist darüber hinaus das erste rein orale Therapieregime über bis zu 24 Wochen für Patienten aller Genotypen, bei denen peg- IFN kontraindiziert ist.

Sofosbuvir ist ein Nukleotid-Prodrug. Die Substanz hemmt die RNA-abhängige RNA-Polymerase NS5B aller Hepatitis-C-Viren mit den Genotypen 1 bis 6. Dieses Enzym spielt eine entscheidende Rolle bei der Virusreplikation. (mal/ger)

Kategorie Orphan Drugs: Sirturo®

Sirturo® (Bedaquilin) von Janssen, das gegen MDR-TB bakterizid wirkt, erhält den Galenus-Preis 2014, Kategorie Orphan Drugs.

Sirturo® (Bedaquilin) ist ein für die Kombitherapie zugelassenes orales Antibiotikum gegen MDR-TB (multiresistente TB-Stämme). Mit dem Präparat kann die Zahl der Patienten mit negativer Sputumkultur deutlich erhöht werden. In einer doppelblinden Studie hatten 160 Patienten (MDR-TB und prä-XDR-TB) Bedaquilin kombiniert mit einer fünf Arzneien umfassenden Basistherapie erhalten oder die Basistherapie plus Placebo. Bedaquilin verkürzte im Vergleich zu Placebo die Zeit bis zur Konversion der Sputumkultur mit 83 versus 125 Tagen signifikant. In Woche 120 lag die Konversionsrate mit Verum im Mittel bei 62, mit Placebo bei 44 Prozent.

Bedaquilin greift in einen für M. tuberculosis essenziellen Mechanismus der Energiegewinnung ein. Davon können auch Patienten mit latenten Tuberkulose-Formen profitieren. Die Arznei wirkt auch gegen prä-extensiv medikamentenresistente (prä-XDR) und extensiv resistente TB-Stämme (XDR).

"Tuberkulose ist eine Krankheit der Armen. Die multiresistenten TB-Stämme sind eine tickende Zeitbombe, neue Medikamente dafür werden dringend gebraucht", betonte Dr. Michael von Poncet, Janssen-Cilag, in Berlin. "In den Entwicklungsländern verteilen wir Sirturo® daher kostenlos." (mal/ger)

Kategorie Grundlagenforschung: MPGN - kranke Niere im Fokus

Das Team um PD Dr. Christine Skerka und Prof. Peter F. Zipfel, Uni Jena, erhält den Forschungspreis. Ihr Thema: die Nierenkrankheit MPGN.

Die membranöse proliferative Glomerulonephritis (MPGN) ist eine seltene Nierenkrankheit. Das Team um Skerka und Zipfel hat eine Genmutation sowie Autoantikörper identifiziert, die zu Störungen des Komplementsystems führen, was letztendlich schwere Schäden der Glomeruli verursacht.

Aufbauend auf ihren Erkenntnissen haben die Forscher neue Diagnose-Verfahren entwickelt, sodass bei früher Diagnose nun geeignete Therapiemaßnahmen eingeleitet werden können. Teammitglied Qian Chen nahm stellvertretend die Galenus-Medaille entgegen: "Der Preis ermutigt uns, auf dem Weg weiter zu gehen, um eines Tages den Patienten mit MPGN helfen zu können." (mal/ger)



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