Ärzte Zeitung, 28.06.2005

HINTERGRUND

Galenus-Preis zur Förderung der pharmakologischen Forschung der Kategorie A würdigt Krebsmittel

Von Peter Leiner

Erland Erdmann: Der Preis ist für die Pharmaforschung und damit für Patienten von großer Bedeutung. Foto: sbra

"Das Medikament Velcade®, das mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis in der Kategorie A ausgezeichnet worden ist, hat Vorreiterfunktion, denn es ist ein völlig neues Medikament", sagt Professor Erland Erdmann aus Köln, Präsident der Galenus-Jury. Das Medikament erhöht bei Patienten mit Multiplem Myelom die Remissionsrate.

Die Jury hat sich in der vergangenen Woche einstimmig - unter zehn Bewerbungen - für das Krebsmittel als diesjährigen Gewinner des Preises für innovative pharmakologische Forschung in Deutschland entschieden. Die Auszeichnung wird von der "Ärzte Zeitung" gestiftet und alle zwei Jahre verliehen.

Der Galenus-von-Pergamon-Preis ist Teil des internationalen Prix Galien und wird während der Medica in Düsseldorf im November verliehen. Der Preis ist für alle bedeutsam: für die Pharmaforschung, für den Standort Deutschland und vor allem für Kranke, sagt Erdmann.

Das Medikament hemmt einen Enzymkomplex in der Zelle

Neuartig ist das Medikament des Unternehmens Janssen-Cilag mit dem Wirkstoff Bortezomib, weil es auf eine Weise wirkt, wie keines der bisherigen Medikamente dies tut: Es hemmt einen Enzymkomplex, das Proteasom, das in Krebszellen eine viel größere Aktivität besitzt als in gesunden Zellen. Krebszellen sind viel empfindlicher für diesen Hemmstoff.

Elektronenmikroskopische Aufnahme eines entarteten Lymphozyten, einer Myelomzelle. Diese Zelle ist das Ziel von Bortezomib. Das Mittel treibt die Zellen in den programmierten Zelltod. Foto: McKnight und Anatoli Melechko, Oak Ridge National Laboratory

Das Besondere: Das Mittel dämpft nicht nur die Teilungswut der Krebszellen, sondern schickt die Zellen auch noch in den programmierten Zelltod, die Apoptose. Die ersten Studien wurden mit Patienten mit multiplem Myelom gemacht, wofür Bortezomib dann auch die erste Zulassung bekommen hat. Präklinische Untersuchungen belegen, daß Bortezomib aber nicht nur gegen Lymphomzellen wirkt, sondern auch gegen Krebszellen solider Tumoren, etwa Prostata-, Bronchial- und Ovarial-Ca.

Der Erfolg der Therapie mit Bortezomib bei Patienten mit multiplem Myelom ist beeindruckend. Die größte Studie mit diesem Medikament, die APEX-Studie (Assessment of Proteasome Inhibition for Extending Remissions), wurde sogar vorzeitig beendet. Denn die Zwischenanalyse ergab, daß der primäre Endpunkt der Studie, die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung, im Bortezomib-Arm im Vergleich zum Studienarm mit hochdosiertem Dexamethason signifikant verlängert wurde. Patienten der Dexamethason-Gruppe wurde daraufhin die Therapie mit Bortezomib angeboten.

Fast 670 Patienten, die alle bis zu dreimal zuvor erfolglos mit anderen Mitteln behandelt worden waren, hatten an der Studie teilgenommen. 38 Prozent der Patienten der Verumgruppe hatten eine partielle oder gar eine komplette Remission, doch nur 18 Prozent in der Vergleichsgruppe.

Und: Patienten der Bortezomib-Gruppe lebten mehr als 80 Tage länger und vertrugen Bortezomib so gut wie Dexamethason. Schließlich lebten nach einem Jahr Therapie in der Verumgruppe noch 80 Prozent der Patienten, aber nur 66 Prozent der Patienten in der Vergleichsgruppe. Patienten, die nur eine und nicht mehrere andere Therapien zuvor hatten, profitierten offenbar von der Bortezomib-Behandlung am besten. Die Studie wurde vor kurzem publiziert (NEJM 352, 2005, 2487 und 2546).

In Deutschland leben derzeit etwa 12 000 Menschen mit einem multiplen Myelom. Jährlich erkranken 3500 Menschen an diesem Lymphom. Es gibt derzeit keine Heilung. Nur etwa ein Drittel der Patienten lebt länger als fünf Jahre.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Chronik der Preisträger"

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