Ärzte Zeitung, 14.12.2011

Fördern Antibiotika eine chronisch entzündliche Darmerkrankung?

Was verursacht Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa? Eine groß angelegte Studie mit 194 Zwillingspaaren geht dieser Frage nach - und hat bereits erste erstaunliche Ergebnisse geliefert.

Fördern Antibiotika eine chronisch entzündliche Darmerkrankung?

Hat die Ernährung Einfluss auf eine entzündliche Darmerkrankung? Die Studienergebnisse deuten darauf hin.

© Catalin Petolea / fotolia.com

KIEL/HAMBURG (eb). Über 300.000 Menschen leiden in Deutschland an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED) wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa.

Während früher die meisten Patienten ihre ersten Symptome im Alter zwischen 20 und 40 Jahre hatten, sind zunehmend mehr Kinder betroffen.

Die Erkrankung hat zum Teil genetische Ursachen, aber auch Umweltfaktoren werden diskutiert.

Erstaunliche Ergebnisse

Das Uniklinikum Schleswig Holstein in Kiel und die Asklepios Klinik in Hamburg wollen den Ursachen der CED mit Hilfe einer groß angelegten Zwillingsstudie auf den Grund gehen.

Für das "Experiment Natur" wurden bislang 194 Zwillingspaare, von denen ein oder beide Geschwister an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erkrankt sind, untersucht und umfassend befragt, teilt Studienleiterin Dr. Martina Spehlmann vom Uniklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, mit.

Im Herbst gab es einen Zwischenbericht. Dabei hätten sich schon jetzt einige erstaunliche Ergebnisse gezeigt, so Spehlmann.

Ältere Zwillinge häufiger erkrankt

Überraschend sei unter anderem die Tatsache, dass die älteren Zwillinge signifikant häufiger erkrankten als die jüngeren Geschwister. "Hierfür gibt es noch keine zufriedenstellende Erklärung", so Spehlmann. Ein zweiter wichtiger Faktor sind Antibiotika.

"Es gibt nachweislich deutliche Unterschiede bei Zwillingen, von denen einer erkrankt ist, wie viele Antibiotika vor Krankheitsausbruch genommen wurden. Die Betroffenen waren eindeutig ein Patientenkollektiv mit mehr Antibiotika-Episoden", wird Professor Andreas Raedler, Chefarzt der Inneren Abteilung Gastroenterologie, Asklepios Westklinikum in Hamburg, in der Mitteilung zitiert.

Raedler: Möglichst auf synthetische Zusatzstoffe in Lebensmitteln verzichten

Deutlich erkennbar sei aber auch der Einfluss der Ernährung auf den Ausbruch der Erkrankung. So hatten zum Beispiel die betroffenen Zwillinge deutlich mehr verarbeitete Lebensmittel verzehrt, zum Beispiel Wurstwaren, heißt es in der Mitteilung. Genau in diesen Lebensmitteln finden sich vermehrt Konservierungs-, Geschmacks- und Farbstoffe.

Raedler rät seinen Patienten daher, möglichst auf synthetische Zusatzstoffe in den Lebensmitteln zu verzichten. In den vergangenen 100 Jahren seien über fünf Millionen Substanzen neu synthetisiert worden, und davon über 50.000 in unserer Nahrung, erläutert Raedler.

Mit Konservierungs-, Farb- und Geschmacksstoffen könne das Immunsystem aber nicht immer adäquat umgehen. Damit konfrontiert komme es bei einigen Menschen zur Überreaktion und zu Entzündungen im Darm.

194 Zwillingspaare haben teilgenommen

Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und durch Spenden finanziert.

Raedler: "Wir haben bislang 194 Zwillingspaare in die Studie eingeschlossen. Der Erfolg der Studie wäre sehr viel größer, wenn wir die 300, die im deutschsprachigen Raum rein statistisch noch existieren müssten, auch motivieren könnten, mitzuhelfen. Daher suchen wir weiterhin nach eineiigen Zwillingspaaren, von denen einer an einer chronischen Darmerkrankung leidet."

Kontakt und Informationen: Martina.Spehlmann@uksh.de, www.ced-hospital.de

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