Ärzte Zeitung, 08.07.2011
Gastbeitrag
Diabetes-Experte widerspricht IQWiG
Das IQWiG stellt in einem aktuellen Bericht den Nutzen einer normnahen Blutzuckereinstellung
bei Typ-2-Diabetes infrage. Es gibt jedoch durchaus Studiendaten, die für solche
Blutzuckerwerte besonders bei jüngeren Patienten mit frischer Diabetes-Manifestation
sprechen.
Von Professor Hellmut Mehnert
Prof. Hellmut Mehnert

© sbra
Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und
Stoffwechselleiden. Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50
Jahren.
Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion
gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland
gegründet.
Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten
Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.
"Nutzen einer normnahen Blutzuckersenkung bleibt unklar." - Mit diesen
Worten hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen
(IQWiG) eine Mitteilung zu seinem aktuellen Bericht überschrieben. In Studien seien als Nutzen einer solchen strengen Blutzuckereinstellung
lediglich weniger "nicht tödliche" Herzinfarkte belegt worden, die aber
mit häufigeren Hypoglykämien erkauft wurden, so das Institut.
Im Grunde ist diese Betrachtungsweise nicht neu, sie muss aber ergänzt werden. Zu
Recht schreibt das IQWiG, dass epidemiologische Studien gezeigt haben, "dass
bei Menschen mit Typ-2-Diabetes das Risiko für gefäßbedingte Erkrankungen oder Todesfälle
mit der Höhe der Blutzuckerwerte steigt". Deswegen würden Blutzuckerwerte in
,,(nahezu) normalem" Bereich empfohlen.
Das IQWiG berichtet nun aber von der Analyse randomisierter kontrollierter Studien,
die den generellen Nutzen einer "nahezu normnahen" Einstellung in Zweifel
ziehen. Natürlich denkt man dabei an die Studien ACCORD, ADVANCE und VADT oder an
die retrospektive Studie des Briten Dr. Craig Currie, die vermehrte Komplikationen
bei sehr niedrigen Blutzuckerwerten wahrscheinlich infolge der früher häufig unterschätzten
Hypoglykämien nahelegen (Lancet 2010; 375: 381).
In der Tat haben insbesondere ACCORD und VADT gezeigt, dass mit Zunahme von Hypoglykämien
und damit niedrigen Blutzuckerwerten auch die makrovaskulären Komplikationen bei
Typ-2-Diabetikern signifikant zunehmen.
Sehr bald hat sich aber bei kritischer Analyse dieser Studien gezeigt, dass jeweils
besondere Verhältnisse vorgelegen haben. So zeigte sich ja bei der ACCORD-Studie,
dass vor allem auch das zu rasche Absinken des Blutzuckers ebenso wie das Vorhandensein
einer autonomen Neuropathie maßgeblich zu der geschilderten Situation beigetragen
haben.
Bei dieser Studie haben überdies besonders strenge Kriterien gegolten (HbA1c
nach Möglichkeit unter 6,0 Prozent), wie sie in der täglichen Praxis sowieso nicht
erreicht werden sollen. Die Werte wurden dabei oft mit wenig untersuchten Mehrfachkombinationen
unterschiedlicher Antidiabetika erreicht. Viele der oft massiv übergewichtigen Langzeitdiabetiker
hatten zudem bereits kardiovaskuläre Schäden.
Dabei ergab sich, dass nicht nur bei zu hohen, sondern auch bei zu niedrigen Blutzuckerwerten
makrovaskuläre Komplikationen vermehrt auftraten. Bei normnahem - vielleicht etwas
erhöhtem - Blutzuckerniveau kamen sie hingegen am seltensten vor. Andererseits wurde
aber in der UKPDS-Folgestudie eindeutig bewiesen, dass eine sehr gute Blutzucker-Einstellung
zu Beginn eines Diabetes späteren Folgeschäden - zum Teil erst nach ein bis zwei
Jahrzehnten beobachtet - durchaus entgegenwirken kann.
Bei ADVANCE war im Übrigen mit dieser Therapiestrategie ein signifikant günstiger
Einfluss auf die Mikroangiopathie gezeigt worden. In der STENO-2-Studie wurden die
Komplikationsraten bei gut eingestellten Diabetikern und bei weniger intensiv behandelten
Patienten nach 13,3 Behandlungsjahren verglichen.
Die Raten an Herzinfarkten, Schlaganfällen sowie an mikroangio- und neuropathischen
Veränderungen waren bei den gut eingestellten Diabetikern im Vergleich hoch-signifikant
verringert. Entscheidend dabei ist wohl eine multifaktorielle Behandlung mit gleichzeitiger
Senkung von Lipid- und Blutdruckwerten auf normnahes Niveau.
Der IQWiG-Bericht endet mit einem Fazit des angesehenen Instituts-Leiters Professor
Jürgen Windeler: "Wenn Ärzte also vor der Frage stehen, was sie ihren Diabetespatienten
konkret anbieten können, ob sie den Blutzucker möglichst weit absenken sollen und
bei welchen Patienten dies vielversprechend ist, und bei welchen weniger, bekommen
sie noch immer keine befriedigenden Antworten".
Das mag im Prinzip zutreffen. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat aber ein überzeugendes
Konzept zur Stoffwechseleinstellung vorgelegt: Wichtig ist dabei eine multifaktorielle
Therapie, und der Blutzucker ist stets individuell einzustellen. Das heißt: Jüngere
Patienten mit frisch manifestiertem Typ-2-Diabetes sollen mit HbA1c-Zielwerten
um 6,5 bis allenfalls 7 Prozent eingestellt werden.
Bei alten Patienten mit langer Diabetesdauer und vorhandenen Schäden kann der HbA1c
durchaus 7,5 Prozent und etwas mehr erreichen. Bei diesen Patienten sollten wegen
des erhöhten Infarktrisikos unbedingt Hypoglykämien vermieden werden. Bei drei schweren
Hypoglykämien war in einer Studie zudem die Demenzrate verdoppelt (JAMA 2009; 301: 1565).
Gibt es also einen Nutzen einer normnahen Blutzuckersenkung? Die Frage ist - mit
den gemachten Einschränkungen - nach wie vor mit ja zu beantworten!
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| [08.07.2011, 12:25:29] |
| Dr. Uwe Wolfgang Popert
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| Fehlinterpretation
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In der zitierten UKPDS wurde der durchschnittliche HbA1c von "frischen Diabetikern" auf Werte von 7,4 bzw 7,0% gesenkt. Wenn das der Bereich ist, den Herr Prof. Mehnert als "normnah" versteht - prima.
Für die Zielbereiche darunter haben wir in der Tat nur Endpunkkt-Studien an Risikoklientel - und dabei insbesondere in der praxisnahen Currie-Studie deutliche Hinweise auf eine steigende Sterblichkeit unter 7,0%. Was die "frischen" Diabetiker angeht: hier liegt ganz aktuell mit der ADDITION eine Studie vor, die keine Belege für einen Sinn einer frühen Intensivtherapie zeigen konnte. Der günstige Trend beruht vermutlich alleine auf einer Statingabe.
Also: Bitte den Wortlaut des IQWiG Statements beachten - der Nutzen einer normnahen Blutzuckersenkung bleibt unklar. Möglicherweise ist er jetzt sogar in Zweifel zu ziehen. zum Beitrag »
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| [08.07.2011, 12:04:37] |
| Dr. Thomas Georg Schätzler
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| Paradigmenwechsel in der Diabetologie
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Die Quintessenz der z. T. widersprüchlichen Studienlage sind eben nicht stures "the lower the better", sondern intelligente Therapiekorridore und Leitlinien, die auf individuelle Patientensituationen (Alter, Erstmanifestation, Ko-Morbiditäten, Lebens-, Ernährungs- und Bewegungsverhalten) modifizierend einwirken. Vergleichbares gilt auch für die Hypertensiologie.
Brachiale HBA1c-Senkungen mit einem bunten Arsenal möglicher Antidiabetika führen nur zu unüberschaubaren Interaktionen und schlecht kontrollierbaren Hypoglykämien. Dafür sorgt nicht zuletzt der Ausschluss der Verordnungsfähigkeit von Blut-Glucoseteststreifen für Typ-2-Diabetiker in der GKV durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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