Am 14. Dezember letzten Jahres hatten SPD Generalsekretärin Andrea Nahles und der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, das vage Konzept einer Bürgerversicherung verkündet:
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/43900/SPD_will_steuerfinanzierte_Buergerversicherung.htm
Eine "durchgerechnete Fassung" dieses Modells wollten die Beiden damals ausgerechnet "Anfang April 2011" präsentieren, was für Erheiterung sorgte. Die Wartezeit des Kollegen Lauterbach, Facharzt für Gesundheitspolitik, bis zu seinem fundierteren Sprechstundentermin betrug also vier Monate. Was ihn nicht davon abhielt, gegen seine Haus- und Facharztkollegen in den Sümpfen der ambulanten und klinischen Krankenversorgung zu wettern, die mit durchschnittlicher Wartezeit von 25 Tagen (BKK-Patientenbefragung 2010) bei Patienten o h n e Akutbeschwerden aufwarten können. GKV-Akutpatienten beim Hausarzt bekommen i. d. R. taggleich Termine.
Was die SPD jetzt präsentiert, ist formal und inhaltlich der Versuch, das rollende "GKV-Rad" mit Ecken als Fortschritt zu verkaufen:
1. Keine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze (BBG) und S e n k u n g des hohen Gesamtbeitragssatzes von 15,5 Prozent in der GKV.
2. Keine Angleichung der Beitragssystematik der GKV an die der Deutschen Rentenversicherung (DRV).
3. Das von der SPD kritisierte Ende der paritätischen Finanzierung unter Schwarz-Gelb und einseitige Zusatzbeiträge nur zu Lasten der GKV-Versicherten wird ersetzt durch eine fragwürdige I m p a r i t ä t zu Lasten der Arbeitgeber.
4. Immer mehr Menschen leben von Mieteinkünften, Kapitalerträgen bzw. Einnahmen aus Beteiligungsgesellschaften. Diese und alle sonstigen Einkommensarten erfordern anteilige GKV-Beiträge.
5. Beim Bundesverfassungsgericht besteht nicht der Hauch einer Chance, die Private Krankenversicherung (PKV) rechtlich auszuhebeln. Dagegen stehen Kontrahierungsfreiheit, Bestandsschutz und Beihilferecht. Als "Geschäftsmodell" sitzt die PKV allerdings eh' auf absteigendem Ast.
Amüsant ist die SPD-Performance zur "3. Säule" ihrer Bürgerversicherung bei je 1/3 Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Steuerfinanzierungsanteil. Dabei "vergisst" der SPD-Vorstand nur allzu gerne, dass der Steuerzuschuss von aktuell 15,3 Mrd. € als Sozialausgleich bei GKV-Beitragsfreiheit für Kinder und Jugendliche, nichtarbeitende Ehefrauen, bzw. geringfügige GKV-Beiträge bei prekären Arbeitsverhältnissen, Minijobs und Hartz-IV-Beziehern bereits existiert.
Als steuerfinanziertes Drittel des GKV-Gesamtvolumens von 180 Mrd. € wären 60 Milliarden Euro aufzubringen. Diese Summe, wie von Nahles & Lauterbach schon am 11.4.2011 angekündigt, sollte mit jährlicher Aufstockung um 300 Millionen € erreicht werden. Mit 300 Millionen-€-Schritten pro Jahr von 15,3 Mrd. auf 60 Mrd. € aufzufüllen würde aber 149 (i. W. einhundertneunundvierzig) Jahre dauern. Da wäre es durchaus intelligenter, langfristig 25 % der Alkohol- und Zigarettensteuereinnahmen bzw. 5 % des Mineralölsteueraufkommens der GKV zuzuführen, um wenigstens annähernd die Krankheitsfolgekosten durch Alkohol, Tabak und Verkehrsunfälle abzubilden.
Und übrigens: Der Satz "Künftig soll die Krankheit darüber entscheiden, wie und wie schnell jemand behandelt wird und nicht die Frage der Versicherung" ist, mit Verlaub, nichts als peinlich-populistische Demagogie von "GKV-Medizin-bildungsfernen Schichten". In meiner Praxis erschien einmal ein 17-jähriger junger Mann, ich nenne ihn hier David. Er war aus Mecklenburg-Vorpommern hier auf Montage als Maler-Azubi. Trotz massivem Leistungseinbruch, dick geschwollenen Beinen, Blässe und diffusen Schmerzen im li Oberbauch hatte er weiter gearbeitet. Ich habe ihn sofort untersucht, weil ihn meine Helferin direkt rein gewunken hatte. Er kam mit später bestätigter akuter myeloischer Leukämie sofort stationär in die örtliche Onkologie: Nach Stabilisierung Verlegung zur Maximaltherapie und Knochenmarkstransplantation in die Uniklinik Rostock.
Warum ich das erzähle? Weil dieser junge Mann auf der Stelle maximale und teuerste Spitzenmedizin dringend brauchte und sofort bekam, o h n e dass alle an seiner Versorgung Beteiligten auch nur eine Gedankensekunde daran verschwendet hätten, dass David erst seit 1 Jahr GKV-Mitglied zum geringen Beitragssatz war. D a f ü r stehen Solidarität und Subsidiarität in der GKV!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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