Ärzte Zeitung, 11.05.2016

Landarzt

Tunesier wagt, was viele deutsche Ärzte scheuen

Aus der tunesischen Hafenstadt Sousse mitten hinein in die norddeutsche Tiefebene: Dr. Sami Boubakri hat den Schritt, den viele junge deutsche Ärzte scheuen, gewagt. Er ist Landarzt und mittlerweile wichtiger Ansprechpartner für die 300 Flüchtlinge in der Region.

Von Christian Beneker

Tunesier wagt, was viele deutsche Ärzte scheuen

Seit Februar 2005 ist Dr.Sami Boubakri (Mitte) als Hausarztassistent in der Praxis von Dr. Marianne Haase und Dr. Heinz-Christian Wilkens tätig.

© cben

SITTENSEN. In der Osteland-Hausarztpraxis in Sittensen zwischen Hamburg und Bremen schauen die beiden Besitzer, Dr. Marianne Haase und Dr. Heinz-Christian Wilkens, mit umwölktem Blick in die Zukunft. "Wenn wir keinen arabisch sprechenden Nachfolger für Sami Boubakri bekommen, sehen wir alt aus", sagt Wilkens.

Dr. Sami Boubakri, Mediziner aus Tunesien, arbeitet seit Anfang 2015 als Hausarztassistent in der Osteland-Praxis im 11.000-Seelen-Ort Sittensen. Damit hat er einen Schritt von Tunesien aus mitten hinein in die norddeutsche Tiefebene gemacht, einen Schritt, den junge deutsche Ärzten zunehmend scheuen.

 Praktisch alle Praxen in der Gegend suchen Personal, berichtet Wilkens. Am liebsten würden Haase und Wilkens ihren Kollegen vom Fleck weg dauerhaft einstellen.

Alles hängt an der Ärztekammer

Aber bald ist Schluss, Boubakris Weiterbildungszeit läuft ab. "In Tunesien bin ich zwar schon fertiger Arzt", berichtet er. "Wenn die zwei Jahre Praxisweiterbildung in Sittensen vorbei sind, muss ich aber abwarten, wie die Ärztekammer Niedersachsen entscheidet." Eventuell muss er durch eine Zeit im Krankenhaus Know-how nachholen.

Ist Boubakri gegangen, haben Haase und Wilkens ein Problem: Wer versorgt dann die vielen Flüchtlinge? Denn diese kommen seit Monaten in die Praxis, weil sie wissen: Hier spricht der Doktor Arabisch, "meine Muttersprache", sagt Boubakri, und Französisch (und im Übrigen: ziemlich gut Deutsch).

"Man kann sagen dass praktisch alle Flüchtlinge in Sittensen, die zum Arzt wollen, in unsere Praxis kommen", sagt Wilkens. "Auch die Kollegen schicken sie zu uns." Durch den tunesischen Assistenten ist die Praxis also zu der Anlaufstelle für die rund 300 Flüchtlinge im Ort geworden.

 Im ersten Quartal 2016 verzeichnete die Praxis Dutzende neue Patienten aus Syrien oder aus Westafrika. Sie litten vor allem unter dem nasskalten norddeutschen Wetter und unter psychischen Erkrankungen, sagt der Arzt aus Tunesien.

Schnupperwoche endete in Anstellung

Vor rund zwei Jahren hatte sich Boubakri per E-Mail in Sittensen gemeldet. Nach den offenbar überzeugenden Erfahrungen eines Deutschlandaufenthalt in Aachen Jahre zuvor, wollte er künftig in Deutschland als Arzt arbeiten. Haase und Wilkens luden ihren tunesischen Kollegen ein, eine Woche lang Land und Leute und Arbeit kennenzulernen und stellten fest: "Die Chemie stimmt."

Das war Ende 2014. Der Anstellung gingen zwei Monate Papierkram voran. "Das war aber kein Problem", sagen die Praxischefs. Im Februar 2015 konnte er in Sittensen dann die ersten Patienten behandeln.

"Man kann in Deutschland mehr lernen. Das macht definitiv Sinn", sagt er. Außerdem gefällt ihm die strukturierte Denke der Deutschen. Boubakri stammt aus dem Norden Tunesiens. Einer seiner Onkel ist ein bekannter Arzt im Land, erzählt er. Sein Beispiel habe ihn motiviert, selber Arzt zu werden. Studiert und promoviert hat Boubakri in der nordtunesischen Hafenstadt Sousse.

Wer ihn aus seinem Heimatland erzählen hört, dürfte mit größerer Milde auf das deutsche Gesundheitssystem blicken. Die Versorgung in dem nordafrikanischen Land zerfällt in einen gut ausgestatteten Privatsektor und die staatliche Grundversorgung, berichtet er. "Die Privatpraxen arbeiten ausschließlich für Privatzahler."

Die hausärztlichen Zentren an den Ambulanzen der Kliniken indessen sind staatlich finanziert und decken ein deutlich schmaleres Leistungsspektrum ab. In einem dieser Zentren hat Boubakri in Tunesien bereits als Arzt gearbeitet. "Da gibt es nur die Basisversorgung. Das heißt: Auf ein CT warten Sie zwei bis drei Monate", sagt er.

Nun also Sittensen, eine Gegend, die wie viele in Niedersachsen unter dem Hausärztemangel leidet. Gewiss - nicht alle Patienten möchten sich von Boubakri behandeln lassen. Und, ja, es gebe auch Ressentiments. Boubakri erwähnt diesen Umstand aber in stoischer Gelassenheit. "Es kommt vor allem auf die Sprachkenntnisse an", sagt er. Das schafft Vertrauen.

Nach mehr als einem Jahr Sittensen spricht Boubakri fast fließend und differenziert. Inzwischen fährt er allein auf Hausbesuch, immerhin versorgt die Praxis Patienten in einem Umkreis von 15 Kilometern. Und wenn trotz allem die Sprachkenntnisse noch nicht reichen, kann Boubakri immer noch die Chefs per Telefon konsultieren.

"Einmal hat er mich ans Telefon geholt, weil er den Patienten während eines Hausbesuches nicht verstand", berichtet Wilkens. "Allerdings musste ich dann feststellen, dass ich ihn auch nicht verstand." Der Patient habe einfach nicht gewusst, was er sagen wollte.

[11.05.2016, 16:55:33]
Jörg Dähn 
Das wird auch nur mittelfristig helfen . .
In Hoya, Verden und Sittensen hat Agaplesion schon MVZs zugemacht, weil es nicht rentiert (habe ich gerade bei AEND .de gelesen). Auch die Sitze pur, also ohne MVZ, gingen nicht gerade weg wie warme Semmeln, also ehr gar nicht. Da wird der junge Kollege hoffentlich mehr Glück haben. Andererseits muss man fragen: Wer versorgt jetzt die Menschen in Sousse? Wie lange kann man solche Kollegen noch anziehen? Wie sozial ist es, anderen Ländern die Hausärzte abzuwerben? Und wie sinnvoll, auf der anderen Seite Entwicklungshilfe zu leisten? Fragen über Fragen, auf die unsere Politiker irgendwann Antworten finden müssen . . . zum Beitrag »

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