Ärzte Zeitung, 16.02.2009

Der "Gott der Manga" war Arzt

Osamu Tezuka, Mediziner und Zeichner vieler Manga-Comics, starb vor 20 Jahren

NEU-ISENBURG. In Deutschland kennen nur wenige seinen Namen - in Japan dagegen ist der Mann mit der Baskenmütze auch noch zwanzig Jahre nach seinem Tode bekannter als viele Popstars: Osamu Tezuka, der "Gott der Manga", der japanischen Comics.

Von Freddy Litten

Mit der Figur des "Astro Boy" (unten in der Mitte) hatte der Manga-Zeichner Osamu Tezuka in der TV-Zeichentrickserie Anime großen Erfolg.

Foto: imago/Xinhua

Schätzungsweise 150 000 Seiten zeichnete er im Laufe seines Lebens. Zeichentrick und Comics waren die besondere Liebe Tezukas. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Tezuka zunächst Medizin, debütierte aber gleichzeitig mit seinem ersten Comicstrip. 1947 kam die etwa zweihundertseitige Abenteuergeschichte "Die neue Schatzinsel" heraus. Tezuka orientierte sich beim Zeichnen des Mangas am Film, sodass sich die Geschichte mit schnellen Perspektivwechseln erzählen ließ. Dies war damals neuartig - daher stellt "Die neue Schatzinsel" den Beginn des modernen Manga dar.

In dieser frühen Phase seiner Karriere fuhr Tezuka zweigleisig als Arzt und Mangaka - so bezeichnet man professionelle Manga-Autoren. Anfang der sechziger Jahre promovierte er mit einer Arbeit über elektronenmikroskopische Untersuchungen der Spermien der Sumpfdeckelschnecke. Obwohl er später seine medizinische Tätigkeit aufgab, bleiben seine Kenntnisse nicht ungenutzt: Eine seiner bekanntesten Figuren wurde in den siebziger Jahren der Chirurg "Black Jack", der nicht nur im ständigen Kampf mit den Krankheiten seiner Patienten, sondern auch des japanischen Gesundheitssystems liegt. Tezukas extrem kritische Haltung in diesem Punkt findet bis heute Resonanz.

Nach den Mangas kamen die Animes aus Tezukas Feder

Zu Osamu Tezukas Werk gehört eine kaum fassbare Vielfalt: Originalstories wie der "Phönix"-Zyklus mit Geschichten aus der Vergangenheit Japans und der Zukunft der Menschheit oder der auf Deutsch erhältliche Manga "Adolf" über einen jüdischen Jungen und seinen deutsch-japanischen Freund in Japan im Dritten Reich. Er zeichnete aber auch seine persönlichen Fassungen von Klassikern wie Dostojewskis "Schuld und Sühne" oder Goethes "Faust" - dazu wiederum sehr eigenwillig interpretierte Lebensbilder etwa von Buddha und Beethoven.

Der Chirurg "Black Jack", eine der bekanntesten Figuren, kritisierte immer wieder das Gesundheitssystem.

Tezuka beschränkte sich nicht nur auf Zeichnungen - er gilt auch als Vater des japanischen Fernsehzeichentricks, des "Anime". Sein Vater hatte bei ihm das Interesse an amerikanischen Zeichentrickfilmen geweckt, die er ihm in den dreißiger Jahren auf einem Heimprojektor zeigte. Sein späteres Studio "Mushi Production" schuf mit "Astro Boy" auf der Basis seines berühmten Manga nicht nur die erste "Anime"-Fernsehserie, sondern auch das bis heute gültige Geschäftsmodell für den erfolgreichen Zweig der japanischen Unterhaltungsindustrie. Außerdem entstanden die erste Farb-Animeserie "Kimba, der weiße Löwe" und der erste Animefilm für Erwachsene "Tausend-und-eine Nacht" unter seiner Ägide.

Wert des Lebens ist Kernthema der Mangas

Zwischen seinem Arztberuf und seiner Aktivität als Mangaka blieben Berührungspunkte -  auch wenn er nicht mehr praktizierte. Ein Fundament seiner Geschichten ist der Wert des Lebens. Dessen Bedeutung kam ihm während des Krieges und der Bombardierung Japans durch die Amerikaner deutlich zu Bewusstsein und trug zur Wahl des Studienfachs bei.

Oft wurde die Frage gestellt, warum in Japan Manga und Anime so populär sind. Als Tezuka am 9. Februar 1989 im Alter 61 Jahren an Magenkrebs starb, schrieb eine der größten japanischen Zeitungen in ihrem Nachruf eine mögliche Antwort: Weil es Osamu Tezuka gab.

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